Manuel Neuer: Ein Rekord, der leise Geschichte schreibt
Mit dem 21. WM-Einsatz löst der 40-Jährige Hugo Lloris ab. Doch die wahre Größe liegt in einer Konstanz über fünf Turniere hinweg.
Manche Bestmarken entstehen leise, fast nebenbei, an einem Samstag bei einem Spiel gegen die Elfenbeinküste. Manuel Neuer, 40 Jahre alt, hat in dieser Partie seinen 21. Einsatz bei einer Weltmeisterschaft absolviert und ist damit zum alleinigen WM-Rekordtorwart aufgestiegen. Vor ihm stand der Franzose Hugo Lloris in dieser Liste, Weltmeister von 2018, inzwischen nicht mehr im Trikot der Équipe Tricolore. Es ist eine Ablösung ohne Drama, aber mit Bedeutung.
Wer hinter Neuer und Lloris auf Platz drei dieser Rangliste folgt, sagt einiges über die Dimension. Sepp Maier, Weltmeister 1974, und Claudio Taffarel, Weltmeister 1994, kommen auf jeweils 18 Partien. Zwei Namen aus zwei Epochen, die das Tor ihrer Mannschaften prägten – und die Neuer nun um drei Spiele übertroffen hat. Was ihn von diesem Trio zusätzlich abhebt: Neuer ist der einzige Torwart im Top-Quartett, der auf Einsätze bei fünf Weltmeisterschaften kommt. Fünf Turniere, in denen sich der Fußball mehrfach gewandelt hat, und durch die ein Torwart hindurchgegangen ist, der jedes Mal Stammkraft war.
Die Zahlen, die Neuer zu seinem 21. WM-Spiel mitgebracht hat, ergeben in Summe das Porträt einer außergewöhnlichen Konstanz. 126 Länderspiele im deutschen Tor – kein Torhüter vor ihm hat den DFB häufiger vertreten. Er ist zugleich der älteste deutsche Nationalspieler und der älteste DFB-Akteur, der jemals bei einer WM eingesetzt wurde. 41 Partien bei großen Turnieren, 21 davon bei Weltmeisterschaften, 20 bei Europameisterschaften: kein deutscher Nationalspieler kommt auf mehr.
Bundestrainer Julian Nagelsmann hat vor dem Spiel bei MagentaTV in einem Satz zusammengefasst, warum der Rekordmann in dieser Mannschaft über die Statistik hinaus eine Rolle spielt: "Er gibt uns viel Ruhe, hat große Erfahrung – gerade die Jungen zehren davon." Es ist, hinter der nüchternen Formulierung, eine Funktionsbeschreibung. Ein Torwart, der nicht nur das eigene Tor verwaltet, sondern eine Gruppe stabilisiert, die ihn als Fixpunkt nutzt. Bei einem 40-Jährigen klingt das nach Selbstverständlichkeit, ist es aber nicht.
Innerhalb der deutschen Bestenliste bleibt Platz nach oben. Vor Neuer stehen noch Miroslav Klose mit 24 WM-Einsätzen und Lothar Matthäus mit 25, der Rekordnationalspieler. Um sie einzuholen oder zu überholen, müsste Neuer mit der DFB-Elf ins Viertelfinale einziehen. Es ist eine Marke, die nicht in seiner Hand allein liegt, sondern an einem Mannschaftsergebnis hängt – ein Detail, das die Statistik des Einzelnen mit dem Schicksal des Kollektivs verknüpft.
Eine Bestmarke aber bleibt für Neuer wohl außer Reichweite, und sie hat einen historischen Klang. Der älteste Weltmeister der Geschichte ist Dino Zoff, der Italiener war beim Finalsieg 1982 gegen die DFB-Elf 40 Jahre und 133 Tage alt. Neuer wird am 19. Juli 19 Tage jünger sein – falls er denn am Ende den Pokal in den Händen hält. Von Maier über Taffarel und Zoff bis Lloris reicht der Bogen, in den sich Neuer mit seinem 21. Einsatz eingeordnet hat. Vier Namen, die für vier Generationen zwischen den Pfosten stehen, und ein deutscher Torwart, der sie zumindest in einer Liste hinter sich gelassen hat.