Der Quatsch-Vorwurf an Deutschland: Das wichtigste Argument blieb unerwähnt
Die Elfenbeinküste beschwerte sich nach dem 1:2 über angeblich mangelndes Fairplay des deutschen Nationalspieler Nathaniel Brown. Der Trainer sollte auf die eigene Mannschaft schauen
Es gibt diese kleinen Szenen, die nach einem WM-Spiel länger nachwirken. Die Elfenbeinküste hat 1:2 gegen die deutsche Nationalmannschaft verloren, und Trainer Emerse Faé war anschließend nicht nur sauer auf das Resultat. Er war sauer auf den Gegner. „Glückwunsch an Deutschland zum Sieg. Von so einer großen Nation, an der wir uns ein Beispiel nehmen, erwarte ich aber mehr Fairplay", sagte er und schob nach: „Ich bin enttäuscht." Worte, die man als Beifang einer Niederlage abtun könnte, wenn dahinter nicht eine sehr konkrete Szene stünde.
Diese Szene betrifft Nathaniel Brown. Der Frankfurter Verteidiger habe, so Faés Vorwurf, nach einem Einwurf einen Angriff eingeleitet, obwohl Wilfried Singo verletzt am Boden lag. Die ungeschriebene Regel des Spiels lautet bekanntlich anders: Ball ins Aus, Spielunterbrechung, Sanitäter, weiter geht's. Stattdessen lief der Angriff. Am Spielfeldrand entwickelte sich daraus ein Wortgefecht, zwischen Faé und Brown, zwischen Faé und Mitgliedern des deutschen Stabs. „Ich habe ihm gesagt, er solle demütig bleiben", erklärte der Trainer später. „Er hat großartig gespielt und es nicht nötig, schlecht mit uns zu reden, nur, weil er gewinnen will."
Man kann jetzt zwei Perspektiven einnehmen. Die eine: Faé hat recht. Die ungeschriebene Regel ist eine Konvention, an die sich der Fußball seit Jahrzehnten hält, weil sie nichts kostet außer einem Moment Zeit, und weil sie das Spiel davor schützt, dass aus jedem liegengebliebenen Spieler ein taktisches Kalkül wird. Wer sie ignoriert, gewinnt vielleicht einen Angriff, verliert aber etwas, das schwerer wiegt als drei Punkte: die Selbstverständlichkeit, mit der Gegner einander begegnen. Eine große Fußballnation, sagt Faé sinngemäß, müsse das nicht nötig haben. Das ist kein hohler Satz. Das ist ein Vorwurf.
Die andere: Bei einer WM, im K.o.-Rennen, in einer Partie, die über das erstmalige Weiterkommen entscheiden kann, ist Siegeswille kein Makel, sondern Berufspflicht. Brown hat eine Situation gespielt, die der Schiedsrichter nicht abgepfiffen hatte. Wer in der entscheidenden Phase eines Turniers den Ball aus der Hand gibt, weil ein Gegner liegt, riskiert hinterher, sich selbst dafür zu verantworten. Das ist die Logik, in der Profifußballer denken müssen. Trotzdem: Logik und Anstand sind zwei verschiedene Kategorien, und Fußball lebt von der Behauptung, dass beide nebeneinander Platz haben.
Emerse Faé aber übersieht in seiner Argumentation den wichtigsten Einwand: Es waren seine eigenen Spieler, die bei jeder Gelegenheit am Boden liegen blieben, den sterbenden Schwan mimten und Zeit schinden wollten. Wenn der Trainer des Gegners schon die Moralkeule schwingt, dann sollte er das gesamte Bild aufzeigen: Dass es seine eigenen Spieler waren, die sich unsportlich verhalten haben. Denn wenn der Schiedsrichter nicht pfiff, standen sie wie nach einer Wunderheilung unversehrt vom Rasen auf. Sein Kontrahent Julian Nagelsmann hat das nicht angeprangert. Auch das ist eine Fußballregel: Mund abputzen, weiter geht's! Der Trainer der Elfenbeinküste sollte auf die eigene Mannschaft schauen.