Knut Kirchers Schiri-Bilanz: Maß halten, wo andere jubeln würden

Die Saison hatte für die DFB-Schiedsrichter ihre Delle bei Strafraumszenen, das Champions-League-Finale die Anerkennung. Doch der Aderlass an Routine kommt erst noch.

Teilen
Knut Kirchers Schiri-Bilanz: Maß halten, wo andere jubeln würden
IMAGO/Kessler-Sportfotografie

Knut Kircher hat in der Bilanz seiner ersten kompletten Saison als Geschäftsführer der DFB Schiri GmbH das gewählt, was ihm naheliegt: ein gesundes Maß. „Insgesamt ein zufriedenes Fazit" sei zu ziehen, sagte er dem kicker, und genau dieser eingebaute Vorbehalt ist das Interessante an dem Satz. Wer in diesem Amt rundum zufrieden klingt, hat meistens etwas übersehen. Kircher hat nichts übersehen.

Denn die Saison hatte ihre Delle, und sie war nicht klein. Die Spieltage 20 und 21 liefen, in Kirchers Worten, „nicht gut". Vor allem bei der Bewertung von Zweikämpfen im Strafraum häuften sich die Fehlentscheidungen, also genau dort, wo Schiedsrichter am sichtbarsten sind und am wenigsten Spielraum haben. Dass Kircher das öffentlich benennt und gleichzeitig erklärt, die Fehler seien „individuell als auch in der Gruppe" aufgearbeitet worden, ist die Variante von Krisenkommunikation, die in der Bundesliga lange nicht selbstverständlich war. Sie funktioniert allerdings nur, wenn die Aufarbeitung in der nächsten Saison auch sichtbar wird.

Beim Video-Assistenten sieht Kircher eine positive Tendenz, auch wenn die Zahl der Eingriffe gegenüber der Vorsaison leicht gestiegen ist. Sein Argument ist technischer Natur: Der Zuwachs entfalle vor allem auf faktische Entscheidungen, auf Abseitsstellungen oder den genauen Ort eines Vergehens. Klammere man diese aus, bewege man sich „ungefähr auf dem Niveau der vorigen Saison". Die Botschaft dahinter: Die Eingriffsschwelle bei Bewertungsfragen wandert nicht zurück nach unten, sie bleibt dort, wo sie nach den Diskussionen der vergangenen Jahre hingerückt wurde. Das ist, wenn man so will, die Fortsetzung einer Linie, die das deutsche Schiedsrichterwesen erst nach längerem Streit gefunden hat.

International hat sich diese Linie ausgezahlt. Daniel Siebert pfiff das Champions-League-Finale zwischen Paris Saint-Germain und dem FC Arsenal, und Kircher nennt es eine „absolut finalwürdige Leistung, die auch international große Anerkennung fand". Ein Endspiel der Königsklasse vergibt die UEFA nicht aus Höflichkeit, und die Tatsache, dass ein deutscher Schiedsrichter zum Zug kam, ist mehr als ein Saisonhighlight. Sie ist ein Indiz dafür, dass die Reformen der vergangenen Jahre dort ankommen, wo sie ankommen sollen.

Und doch beginnt im Sommer ein Umbruch, der die Bilanz dieser Saison rückblickend härter aussehen lassen könnte, als Kircher es heute tut. Mit Deniz Aytekin, Tobias Welz, Frank Willenborg und Patrick Ittrich verlieren die deutschen Schiedsrichter auf einen Schlag vier erfahrene Referees. Das ist kein normaler Generationenwechsel, das ist ein Aderlass an Routine, an Spielleitungserfahrung in heiklen Partien, an Gewicht in der Kabine. Solche Schiedsrichter ersetzt man nicht in einem Sommer, man ersetzt sie über Jahre.

Für die Bundesliga rücken Max Burda und Richard Hempel nach. Kircher sagt, man sei „für die kommende Saison bestens gerüstet", und in der Logik seines Amtes muss er das sagen. In der Praxis wird sich zeigen, ob die nachrückenden Namen die Fehlerquote in den heiklen Strafraumszenen halten oder senken können, an denen die zurückliegende Saison ihre Delle hatte. Die internationalen Aufträge, die Siebert in diesem Jahr angesammelt hat, helfen dabei nicht. Sie erhöhen den Anspruch.