Jürgen Klinsmann eröffnet eine Debatte, die der DFB nicht mehr vermeiden kann

Drei frühe WM-Enden sind kein Betriebsunfall, sondern ein Muster. Der Weltmeister von 1990 fordert keine Köpfe, sondern eine Generaldebatte.

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Jürgen Klinsmann eröffnet eine Debatte, die der DFB nicht mehr vermeiden kann
IMAGO/Matthias Wehnert

Jürgen Klinsmann hat selten ein Blatt vor den Mund genommen, wenn es um den deutschen Fußball ging, aber was er beim US-Sender ESPN nach dem WM-Aus gegen Paraguay gesagt hat, war auch für seine Verhältnisse deutlich. „Es ist ein sehr trauriger Tag für uns alle in Deutschland, das haben wir nicht erwartet", sagte der frühere Bundestrainer. Und schob nach: „Die Art und Weise, wie wir ausgeschieden sind, ist niederschmetternd, eine Peinlichkeit. Es ist genau so schrecklich wie in Katar vor vier und Russland vor acht Jahren." Drei Turniere, drei frühe Enden – Klinsmann formuliert, was nach dem 3:4 im Elfmeterschießen gegen Paraguay schwer zu widerlegen ist. Bemerkenswert ist, wie der Architekt des Sommermärchens 2006 die Verantwortung verteilt. Er nimmt niemanden in Schutz, aber er stellt auch niemanden allein an den Pranger. Auf Julian Nagelsmann angesprochen, sagte Klinsmann: „Die Verantwortung liegt bei allen – vom Trainerstab über den Verband bis hin zu jedem einzelnen Spieler. Jeder hat seinen Teil zu diesem Desaster beigetragen." Das ist keine Schonung des Bundestrainers, sondern eine Ausweitung der Debatte. Wer nur über Nagelsmann redet, redet zu klein. Der härteste Vorwurf zielt auf das, was man im Profifußball eigentlich voraussetzen sollte: Vorbereitung und Haltung. Die Spieler, sagte Klinsmann, „hatten nicht die Energie, die Entscheidungsfreude und Aggressivität, um diese Schlacht zu gewinnen". Und weiter: „Am Ende schien es, als wären sie nicht einmal auf das Elfmeterschießen vorbereitet, was irrwitzig ist. Wir lieben Elfmeterschießen normalerweise!" Dieser letzte Halbsatz trifft etwas Wesentliches. Eine deutsche Mannschaft, die im Elfmeterschießen ratlos wirkt, widerspricht einer Selbstverständlichkeit, die Jahrzehnte hielt. Das ist mehr als ein verlorenes Spiel, das ist ein Verlust von Identität. Klinsmann sagt, die DFB-Elf habe „ihr Gesicht verloren", und stürze Deutschland „in ein tiefes, tiefes Loch". Daraus leitet er ab, was für ihn die einzig vertretbare Reaktion ist: „Alles, von oben bis unten, muss hinterfragt und diskutiert werden." Das ist keine Phrase, das ist ein Programm. Wer alles meint, meint die Strukturen genauso wie die Personalauswahl, die Talentförderung genauso wie die Kultur in der Kabine. Konsequenzen müsse es geben, sagt Klinsmann, „was auch immer diese Konsequenzen sein mögen". Diese Offenheit ist bemerkenswert: Er ruft nicht nach einem Kopf, er ruft nach einer Generaldebatte. Man kann Klinsmann vieles vorwerfen, auch aus seiner eigenen Zeit als Verantwortlicher, aber in dieser Analyse trifft er einen Punkt, dem sich der DFB nicht mehr entziehen kann. Drei Turniere in Folge mit einem Ausgang, den ein Land wie Deutschland nicht für möglich gehalten hätte, sind kein Betriebsunfall. Das ist ein Muster. Wer nach Russland 2018 und Katar 2022 noch glauben mochte, eine einzelne Stellschraube würde reichen, dem sollte spätestens das Aus gegen Paraguay diese Hoffnung genommen haben. Klinsmanns Forderung, alles zu hinterfragen, ist nicht die Forderung eines Empörten. Es ist die nüchterne Konsequenz aus einer Serie, die niemand mehr wegerklären kann. Ob der DFB die Größe hat, diese Debatte ehrlich zu führen, wird die kommenden Wochen prägen. Klinsmann hat sie eröffnet. Jetzt müsste man sie nur noch annehmen.