Jugend- und Amateurfußball: Ergebnis geht vor Entwicklung

Trainerdruck, Wechselwahn und Tabellenfixierung gefährden Fortschritte von Kindern und jungen Spielern - meint Gerd Thomas

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Jugend- und Amateurfußball: Ergebnis geht vor Entwicklung
Die Wissenschaft entwickelt sich rasant weiter, wird aber von den meisten Vereinen ignoriert.

Nach der Saison ist vor der Saison. Wobei für viele „vor der Saison“ längst schon während der Saison beginnt. Weit vor dem Ende der Meisterschaftsrunde startet die Neuorientierung. Vereine, die ihre sportlichen Ziele nicht erreicht haben, nehmen einen neuen Anlauf. Einen Vorteil haben dabei jene Klubs, die bereits im Mai, April oder gar März wissen, in welcher Liga sie im kommenden Jahr spielen werden – also diejenigen, die fernab von Aufstieg oder Abstiegsgefahr agieren.

Gerade im Jugendfußball braucht es mehr Augenmaß

Für andere wird die Saisonplanung zur Hängepartie. Viele Auf- und Abstiege entscheiden sich erst am letzten Spieltag, manche erst in der Relegation. Das erschwert die Vorbereitung auf die kommende Spielzeit erheblich. Wechselwillige Spieler haben oft mehrere Optionen gleichzeitig im Blick und orientieren sich bevorzugt an höheren Ligen, wo sie sich leistungsmäßig sehen – auch wenn das oftmals eine Fehleinschätzung ist.

Das gilt für Erwachsene ebenso wie für Jugendliche und Kinder. Bei Letzteren entscheiden am Ende meist die Eltern – und die wissen bekanntlich immer genau, was das Beste für ihr Kind ist. Vor allem, was sich im Gespräch mit anderen Fußballeltern gut erzählen lässt: „Mein Kind spielt jetzt in einer höheren Liga, dort hat es bessere Entwicklungsmöglichkeiten. Es soll den nächsten Schritt machen.“ Dass genau nach diesem Schritt oft die Karriere endet, weil viel zu vielen jungen Spielern eingeredet wurde, der neue Verein setze gerade auf sie, wird dabei gern ausgeblendet.

Neulich äußerte ich in einem Interview mit FuPa Berlin, viele Spieler würden schlichtweg beschissen. Die drastische Wortwahl bitte ich zu entschuldigen, aber es gibt keinen Grund zur Beschönigung. Im Gegenteil: Diese Dinge müssen klar benannt werden, denn sie schaden dem Fußball. Wenn bereits im Jugendbereich Kader mit 25 oder gar über 30 Spielern existieren, ist das vor allem dem Ego oder der Rücksichtslosigkeit ungeeigneter Trainer zuzuschreiben.

Eltern von Kindern rate ich genau wie volljährigen Spielern, auf folgende Punkte zu achten:

  • Ist die Kadergröße so bemessen, dass alle Spieler regelmäßig Einsatzzeiten bekommen?
  • Legt der Trainer Wert auf Entwicklung oder ausschließlich auf Ergebnisse?
  • Wie hoch war die Fluktuation unter dem neuen Coach in den vergangenen Jahren?
  • Passt die Philosophie des neuen Vereins zu den eigenen Vorstellungen?

Viele schauen jedoch fast ausschließlich auf die Spielklasse und behaupten, ein Spieler könne sich nur weiterentwickeln, wenn er sich mit den Besten misst. Es würde hier zu weit führen, sämtliche wissenschaftlichen Erkenntnisse aufzuzählen, die dazu inzwischen vorliegen. Nur so viel: Mit etwas Recherche findet man zahlreiche fundierte Hinweise für sinnvollen Umgang im Jugendbereich, z. B. in den beiden Ausgaben von „Denkfabrik Nachwuchsfußball“ von Leo-Jonathan Teßmann und Gora Sen (siehe Foto). Die Fußballwissenschaft hat sich rasant entwickelt – doch die Triebfeder vieler Vereinswechsel ist bis heute dieselbe geblieben.

Heute würde ich mehr als vor 20 Jahren darauf achten, dass alle ausreichend Spielpraxis erhalten. Ich würde sportartübergreifende Elemente stärker in die Ausbildung integrieren. Wäre ich noch Jugendleiter, würde ich vor allem auf die Sozialkompetenz der Trainer achten. Denn ein Coach, der zwar exakt erklären kann, in welchem Abstand die Hütchen stehen müssen oder über Dreier-, Vierer- und Fünferkette dozieren kann, hat trotzdem ein Problem, wenn er seine Spieler nicht erreicht.

Zwischen Leistungsdruck und Entwicklung

Vor allem der Jugendfußball ist nach wie vor zu sehr Ergebnissport. Trainer werden vor allem an Tabellenplätzen gemessen – bei den Erwachsenen umso mehr. In Berlin gab es in den vergangenen Wochen zahlreiche Wertungen am grünen Tisch. Dabei ging es um undurchsichtige Regeln rund um die fünfte Gelbe Karte – bei uns zählt auch der Pokal – oder um mangelhafte Spielerfotos im System, auf denen Akteure aufgrund ihres jungen Alters nicht eindeutig zu erkennen waren.

Plötzlich fanden sich Vereine auf Abstiegsplätzen wieder, die sich eigentlich längst in Sicherheit gewähnt hatten. Die Verantwortung für Punktabzüge kann man den Trainern geben – muss man aber nicht. Jeder Verein sollte über funktionierende Kontrollmechanismen verfügen. Tatsächlich kam es dennoch zu Trainerentlassungen. Übungsleiter sind eben oft das schwächste Glied in der Kette. Wenn dann zum Saisonende noch fragwürdige Ergebnisse der Konkurrenz hinzukommen, steht am Ende schnell ein unerwarteter Abstieg. Nicht nur der Pokal hat seine eigenen Gesetze. Das war zwar schon immer so – doch der Amateurfußball tut sich damit keinen Gefallen.

Der große Fußball blickt auf die Basis

Schluss mit dem Phrasenschwein-Parolen, tatsächlich hat sich meine Prognose für den Fortbestand des Amateurfußballs zuletzt verbessert. Verantwortlich dafür sind ausgerechnet Menschen, die sich vor allem mit dem Profifußball beschäftigen. Als ich beim „Handover“ des DFB-Pokals vom Titelverteidiger an den Berliner Bürgermeister Stuttgarts Kapitän Atakan Karazor fragte, ob er den Teilnehmenden der Hartplatzhelden-Amateurfußballkonferenz einen Gruß senden würde, zögerte er keine Sekunde. Auch Finalschiedsrichter Sven Jablonski sprach sofort ins Mikrofon und richtete seine Worte insbesondere an die Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter an der Basis.

Auf den Geschmack gekommen, fragte ich anschließend Joachim Löw. Auch er fand sofort aufmunternde Worte für den Breitensport. Vielen Dank für diese Wertschätzung – wer konnte das noch toppen? Ich wandte mich an Deutschlands obersten Fußballfunktionär: DFB-Präsident Bernd Neuendorf. Er reagierte beinahe euphorisch, wünschte uns eine erfolgreiche Konferenz, lobte die Arbeit der Hartplatzhelden und bat darum, ihm die Ergebnisse anschließend mitzuteilen.

Der große Fußball grüßt die Kicker an der Basis. Vielleicht ist das der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.