Infantinos Trump-Nähe: Aus Brüssel kommt jetzt eine offene Akte

50 EU-Abgeordnete stützen die Ethikbeschwerde gegen den FIFA-Chef. Die Verbände schweigen – ausgerechnet der DFB, der selbst übergangen wurde.

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Infantinos Trump-Nähe: Aus Brüssel kommt jetzt eine offene Akte
IMAGO/DeFodi Images

Während in Nordamerika die Weltmeisterschaft läuft, bekommt der Mann, der das Turnier wie kein anderer verkörpern möchte, Post aus Brüssel und Straßburg. 50 Abgeordnete des Europäischen Parlaments haben einen Brief unterzeichnet, in dem sie die Ethikbeschwerde der Organisation FairSquare gegen Gianni Infantino unterstützen. Das berichteten The Athletic und Politico am Montag. Adressiert ist das Schreiben an Infantino selbst, an Mitglieder des FIFA-Councils, eine Kopie ging an Generalsekretär Mattias Grafström und die Untersuchungskammer. Im Zentrum steht eine Frage, die so banal klingt wie sie unangenehm ist: Darf der Präsident des Weltfußballverbands einen Staatschef bevorzugen? Die Unterzeichner – darunter Abgeordnete aus Irland, Deutschland, Spanien, Frankreich, Belgien, Italien, Luxemburg, Dänemark, der Slowakei und den Niederlanden – sehen Infantinos Nähe zu US-Präsident Donald Trump als möglichen Verstoß gegen die Neutralitätspflicht. Der irische Europaabgeordnete Barry Andrews formuliert es im Brief so: „Die WM soll die Welt vereinen. Wenn FIFA-Präsident Infantino einen Präsidenten gegenüber einem anderen bevorzugt, schadet das dem Ansehen der FIFA und des gesamten Turniers." Ein Satz, der weniger Empörung transportiert als eine nüchterne Geschäftsbedingung. Der konkrete Anlass ist die erstmalige Vergabe des FIFA-Friedenspreises. Er ging im Dezember an Trump – und zwar ohne Rücksprache mit dem FIFA-Council, dem auch DFB-Präsident Bernd Neuendorf angehört. Genau diese Vergabe soll laut Brief „umfassend untersucht" werden. Die Beschwerde, schreiben die Abgeordneten, biete der FIFA die Gelegenheit, ihr Bekenntnis zu politischer Neutralität, Transparenz und Verantwortlichkeit unter Beweis zu stellen. Eine Formulierung, die höflich verpackt, was sie meint: Beweist es, oder lasst es bleiben. FairSquare beruft sich auf Artikel 15 der FIFA-Ethikregularien. Die Bestimmung verlangt von allen Funktionären, gegenüber Behörden, Organisationen und politischen Gruppierungen „politisch neutral" zu bleiben. Das ist kein moralischer Appell, das ist Verbandsrecht. Eingereicht hatte FairSquare die Beschwerde kurz nach der Preisverleihung. Wie es seither weiterging, weiß außerhalb der Ethikkommission offenbar niemand so genau. Nicholas McGeehan, Direktor von FairSquare, beschreibt den Stand der Dinge gegenüber dem SID mit auffälliger Trockenheit. Die Kommission habe den Eingang der Beschwerde bestätigt, mehr aber nicht. Man habe ihm mitgeteilt, „dass sie nicht verpflichtet seien, uns über den Fortschritt zu informieren". Sein Eindruck: „Es wirkte wie eine Daumen-hoch-Emoji-Antwort." Ein Satz, der die Stimmung in dieser Affäre besser beschreibt als jede Pressemitteilung. Bemerkenswert ist, wer bislang fehlt. Aus der Welt der Verbände hat sich allein Norwegen positioniert und die Kammer des Weltverbandes zu einer Prüfung aufgefordert. Der DFB, dessen Präsident im Council sitzt und beim Friedenspreis übergangen wurde, ist in dieser Reihe nicht zu finden. Die politische Unterstützung kommt jetzt aus einem Parlament, das mit dem Fußball nichts zu schaffen hat – und das ist für einen Verband, der seine Legitimität aus seinen Mitgliedern zieht, kein Kompliment. Die FIFA kann diesen Brief abheften. Sie kann auch antworten. Was sie nicht mehr kann, ist so tun, als sei die Frage nach Infantinos Verhältnis zu Trump eine Angelegenheit unter Beobachtern. 50 Unterschriften später ist sie eine offene Akte.