Hoeneß setzt Nagelsmann unter Druck: Neuer muss zur WM!

Aus München kommt ein Machtwort, in Frankfurt schweigt der Bundestrainer. Die Entscheidung über das DFB-Tor trifft trotzdem ein anderer.

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Hoeneß setzt Nagelsmann unter Druck: Neuer muss zur WM!
IMAGO/Eibner

Es gibt da diese Sätze von Uli Hoeneß, die klingen wie nebenbei gesagt und treffen trotzdem den Kern. Am Rande der Münchner Meisterfeier auf dem Marienplatz hat der Bayern-Ehrenpräsident dem BR gesagt, er würde sich freuen, wenn Manuel Neuer zur WM fährt. Begründung: „Weil er der Beste ist." Kürzer kann man eine Personaldebatte nicht beenden, und länger muss man sie aus Sicht des FC Bayern offenbar auch nicht führen.

Die Debatte selbst hat eine Vorgeschichte, die man bei aller Sympathie für Hoeneß' Direktheit nicht wegwischen kann. Neuer ist 2024 zurückgetreten, nach 124 Länderspielen und der Heim-EM. Ein Rücktritt ist eine Entscheidung, die der Spieler selbst trifft, und sie hat bei einem Kapitän eine andere Schwerkraft als bei einem Reservisten. Wer geht, lässt eine Tür offen, schließt aber gleichzeitig ein Kapitel ab — auch für die, die danach kommen.

Genau hier wird es interessant. Laut Sky soll Neuers Rückkehr für die WM in den USA, Mexiko und Kanada vom 11. Juni bis 19. Juli bereits perfekt sein. Bundestrainer Julian Nagelsmann hat sich im ZDF-Sportstudio bedeckt gehalten und keine konkrete Antwort gegeben. Hoeneß ordnete das so ein: „Da gibt es ja nur Gerüchte im Moment, und wir warten ab, wie die Dinge laufen." Das ist die Sprache eines Mannes, der weiß, dass Bestätigungen aus München in solchen Phasen mehr Wirkung entfalten als Dementis aus Frankfurt.

Sportlich ist Hoeneß' Argument schwer zu widerlegen, politisch ist es es schon. Wenn Neuer kommt, ist er nicht die Nummer zwei oder drei. Er ist der, an dem sich die Hierarchie im DFB-Tor neu sortieren muss, wenige Wochen vor einem Turnier. Nagelsmann hat in den vergangenen Monaten eine Linie gefahren, die ohne Neuer auskam, und er muss nun entscheiden, ob er diese Linie aufgibt oder verteidigt. Beides hat einen Preis, und beides wird er begründen müssen.

Dazu kommt eine schlichte körperliche Frage. Neuer muss aufgrund von muskulären Problemen in der Wade derzeit wieder kürzertreten. Ob er am Samstag im DFB-Pokalfinale gegen den VfB Stuttgart im Tor stehen kann, ist noch nicht geklärt. Ein 40-jähriger Torhüter, der wegen der Wade pausiert, ist keine Randnotiz, wenn es um ein Turnier mit langen Reisen, hoher Belastung und engem Spielplan geht. Hoeneß' „Weil er der Beste ist" gilt — aber Bestform ist eine andere Kategorie als Bestplatzierung in der Erinnerung.

Bleibt die Frage, was Nagelsmann in den nächsten Tagen tut. Er wird ein Aufgebot benennen müssen, und er wird das nicht in einem stillen Raum tun, sondern in einer Öffentlichkeit, die seit Wochen in eine Richtung schaut. Hoeneß hat ihm den Rückenwind aus München geliefert, ob gewollt oder nicht. Die Entscheidung trifft trotzdem ein anderer.

Was bleibt, ist ein Eindruck, der zu dieser Saison passt. Beim FC Bayern wird über Personal so geredet, als gäbe es nur eine vernünftige Antwort. Beim DFB ist die Antwort komplizierter, weil sie eine Mannschaft betrifft, die auch ohne Neuer eine Identität gefunden hat. Wer am Ende recht behält, weiß man im Sommer.