Gernot Rohr: Der afrikanische WM-Titel ist nur noch eine Frage der Zeit
Neun von zehn Teams im Achtelfinale, bessere Strukturen, mehr Fantasie: Ein Praktiker mit 16 Jahren Erfahrung beschreibt eine Richtung, keine Jahreszahl.
Wenn Gernot Rohr über afrikanischen Fußball spricht, hört man einem Mann zu, der seit 16 Jahren auf dem Kontinent arbeitet. Gabun, Niger, Burkina Faso, Nigeria, seit 2023 Benin – das ist keine Sammlung von Zwischenstationen, das ist eine Biografie. Wer so lange dabei ist, der darf eine These wagen, ohne sich dem Verdacht der Schwärmerei auszusetzen. Rohrs These im SID-Interview lautet: Der erste WM-Titel für eine afrikanische Mannschaft wird kommen. „Daran glaube ich ganz fest", sagt er. Die Grundlage für diese Prognose liefert die aktuelle Weltmeisterschaft selbst. Neun von zehn afrikanischen Teams haben sich für die K.o.-Runde qualifiziert, und Rohr weigert sich, darin eine Überraschung zu erkennen. „Keineswegs. Das ist logisch", sagt er. Seine Begründung ist nüchtern und strukturell: In Verbänden und Vereinen werde seit einigen Jahren richtig gute Arbeit geleistet, Stadien und Rasenflächen würden besser, die Vorbereitung auf Turniere professioneller, die Spieler besser bezahlt, die Trainerstäbe qualifizierter. Defensiv, sagt er, hätten die afrikanischen Mannschaften ohnehin „einen großen Schritt nach vorn gemacht". Es ist die Tonlage eines Praktikers, der nicht in Stimmungen denkt, sondern in Rahmenbedingungen. Rohr sieht, wie sich die Entwicklung technisch, taktisch und physisch beschleunigt. Daraus zieht er die Konsequenz, dass ein Titel keine ferne Vision mehr ist, sondern eine Frage der Zeit. Sollte es bei diesem Turnier nicht reichen, dann ist für ihn klar, wer der heißeste Kandidat ist: „Die Marokkaner sind momentan am nächsten dran und werden immer besser." Auch der Senegal sei „auf Tuchfühlung und ein Kandidat fürs Halbfinale". Bemerkenswert an Rohrs Argumentation ist, was sie nicht tut. Sie verklärt nicht, sie pauschalisiert nicht. Im Gegenteil: Der 73-Jährige wünscht sich, wie der frühere deutsche Nationalspieler Gerald Asamoah, eine differenziertere Debatte. Man dürfe Afrika „nicht immer als Einheit sehen, es gibt in den 52 Fußball-Verbänden eine große Diversität mit regionalen Eigenheiten". Zwischen Nord und Süd, zwischen Ost und West lägen Welten, und es mache Sinn, sich detaillierter mit den einzelnen Mannschaften zu beschäftigen. Diese Mahnung zur Genauigkeit ist mehr als eine Höflichkeitsfloskel. Sie ist die Bedingung dafür, dass man die Stärken einzelner Teams überhaupt erkennen kann. Und sie passt zu Rohrs zweitem, fast schon trotzigem Punkt: Nicht alles am afrikanischen Fußball lässt sich in die gängigen Effizienzraster pressen, und das ist gut so. Bei Mannschaften wie Senegal oder Ghana, sagt Rohr, bekomme „die Fantasie ihren Platz, die Imagination, das Außergewöhnliche". Es sei schön, dass nicht alles herausanalysiert und auf Effizienz getrimmt werde. Das ist der vielleicht interessanteste Gedanke des Interviews. Während im europäischen Spitzenfußball jede Aktion an Daten gemessen wird, beschreibt Rohr eine andere Form des Spiels, in der Dinge mit Gefühl angegangen werden, „ein Stück weit frei von Fesseln". Die Leichtfertigkeit gehöre mit dazu, sagt er, das habe einen gewissen Charme. Wer 16 Jahre auf diesem Kontinent gearbeitet hat, der traut sich offenbar, ein Wort wie Leichtfertigkeit positiv zu meinen. Bleibt die Frage, ob der von Rohr prophezeite große Wurf tatsächlich schon bei diesem Turnier gelingt oder erst bei einem der folgenden. Rohr selbst legt sich nicht fest. Er beschreibt eine Richtung, keine Jahreszahl. Und das ist, von einem Mann mit seiner Erfahrung, die ehrlichste Form der Prognose.