Frappart wechselt vom Spielfeld in den Maschinenraum der UEFA

Die Pionierin entscheidet künftig mit, wer pfeift. Damit liegt es an ihr, ob weibliche Karrieren im Schiedsrichterwesen Einzelfall bleiben.

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Frappart wechselt vom Spielfeld in den Maschinenraum der UEFA
IMAGO/Bildbyran

Manche Personalien sagen mehr aus als die Funktion, die sie betreffen. Stéphanie Frappart ist vom Exekutivkomitee der UEFA zur Schiedsrichterverantwortlichen innerhalb der UEFA-Schiedsrichterkommission ernannt worden, das hat der europäische Fußball-Dachverband am Donnerstag in einer Pressemitteilung bekanntgegeben. Die Französin soll, so die UEFA, „zur strategischen Weiterentwicklung des Schiedsrichterwesens in ganz Europa beitragen".

Konkret heißt das: Sie unterstützt den Dachverband bei der Ernennung von Unparteiischen, der Leistungsüberwachung, in technischen Fragen und bei der Weiterbildung der Schiedsrichterinnen und Schiedsrichter. Wer das nüchtern liest, hat es schon verstanden – und wer es politisch liest, erkennt: Hier rückt jemand ins Zentrum eines Apparats, den Frauen über Jahrzehnte nur von außen betrachten durften.

Frappart, 42 Jahre alt, ist 2010 zur internationalen Schiedsrichterin aufgestiegen. Was danach folgte, war eine Reihe von Premieren, die in ihrer Aneinanderreihung schon fast ihre eigene Statistik bilden. Sie war die erste Frau, die ein französisches Erstligaspiel leitete. Die erste Frau, die eine Partie der Champions League pfiff. Die erste Frau, die ein Spiel bei einer Weltmeisterschaft der Männer leitete. Und 2019 die erste Frau, die mit dem UEFA-Supercup zwischen Liverpool und Chelsea ein bedeutendes UEFA-Spiel der Männer geleitet hat.

Diese Liste liest sich, als sei sie eine Belohnung. Sie ist aber zunächst eine Bestandsaufnahme. Denn jede dieser Premieren markiert auch das späte Datum, an dem sie überhaupt erst möglich wurde. Dass eine Frau einen französischen Erstligabetrieb leiten darf, ist in der Geschichte des Profifußballs eine Selbstverständlichkeit, die sich erst Frappart erkämpfen musste. Dass eine Frau ein WM-Spiel der Männer pfeift, war 2022 eine Sensation – und genau darin lag das Problem. Wer Pionierin sein muss, arbeitet immer auch gegen eine Verzögerung, die andere zu verantworten haben.

Mit der jetzigen Berufung verschiebt sich der Schauplatz. Frappart pfeift nicht mehr nur, sie entscheidet mit, wer pfeift. Sie sitzt nicht mehr im Auswärtsteil dieses Berufsstandes, sondern in seiner Verwaltung. Das ist insofern bemerkenswert, als die Schiedsrichterkommission eines der konservativsten Gremien im europäischen Fußballbetrieb ist – ein Bereich, in dem Netzwerke zählen, in dem Karrieren sich an Lehrgängen, Beobachtungen und Empfehlungen entscheiden. Wer dort Einfluss hat, prägt nicht nur einzelne Spielleitungen, sondern die nächste Generation der Unparteiischen.

Man sollte das nicht überhöhen, aber auch nicht kleinreden. Frapparts neue Rolle umfasst laut UEFA Ernennungen, Leistungsüberwachung, technische Fragen und Weiterbildung. Das sind die vier Hebel, mit denen sich ein Schiedsrichterwesen tatsächlich verändern lässt. Wen man ansetzt, wie man bewertet, wie man ausbildet – an diesen Punkten entscheidet sich, ob der Aufstieg von Frauen in Spitzenfunktionen ein Einzelfall bleibt oder zur Struktur wird. Frappart hat ihre eigene Karriere als Einzelfall gestalten müssen. Nun hat sie die Möglichkeit, dafür zu sorgen, dass die nächste Schiedsrichterin, die ein Champions-League-Spiel leitet, kein Datum mehr bekommt, das man sich merken muss.

Es ist die seltene Konstellation, in der eine Personalie und eine Aufgabenbeschreibung wirklich zueinanderpassen. Was Frappart daraus macht, wird sich an den Namen ablesen lassen, die in den kommenden Jahren auf europäischen Schiedsrichterlisten auftauchen. Oder eben nicht.