Ein Anruf aus dem Weißen Haus, und die Rotsperre fällt
Die FIFA nutzt ihren Ermessensspielraum ausgerechnet nach Trumps Intervention. Wer schützt das Regelwerk beim nächsten Anrufer?
Man kennt die Bilder, in denen Politik in den Sport hineinregiert, meistens aus Ländern, die man ungern zum Vorbild nimmt. Nun liefert die FIFA einen eigenen Fall. Sie hat die Ein-Spiel-Sperre gegen den US-Stürmer Folarin Balogun, der im Sechzehntelfinale gegen Bosnien-Herzegowina in der 64. Minute glatt Rot gesehen hatte, unter Berufung auf Artikel 27 zur Bewährung ausgesetzt. Balogun war Tarik Muharemovic unbeabsichtigt und unglücklich auf das Sprunggelenk gestiegen. Er ist damit im Achtelfinale am Dienstag um 2.00 Uhr gegen Belgien spielberechtigt.
Der entscheidende Satz steht in der New York Times: US-Präsident Donald Trump soll FIFA-Präsident Gianni Infantino persönlich gebeten haben, die Sperre zu überprüfen. Man muss sich diesen Vorgang in Ruhe ansehen. Ein Staatschef ruft beim Weltverband an, und wenige Stunden später gilt eine Sperre nicht mehr, die nach dem eigenen Regelwerk gelten müsste. Ob es genau so war oder ob die FIFA parallel und unabhängig zur selben Entscheidung gekommen wäre, spielt für die Außenwirkung keine Rolle. Der Eindruck ist da, und der Eindruck ist der Schaden.
Der belgische Fußballverband RBFA reagiert erstaunt, und er reagiert präzise. Er verweist auf Artikel 66.4 des FIFA-Disziplinarkatalogs, der besagt, dass eine Rote Karte automatisch zu einer Sperre für das nächste Spiel führt. Er verweist außerdem auf ein Rundschreiben, das die FIFA selbst vor dem Start der WM verschickt haben soll und in dem genau auf diese Regel hingewiesen worden sei. Die RBFA prüft nach eigener Aussage bei Instagram derzeit alle möglichen Optionen. Es ist der ungewöhnliche Fall, dass ein Verband dem Weltverband dessen eigenes Regelbuch zitieren muss.
Nun kann man argumentieren, es gehe um ein einzelnes Spiel, eine unglückliche Aktion, ein Foul ohne Absicht. Balogun hat niemanden getreten, er ist gestiegen, das ist ein Unterschied, den Schiedsrichter jede Woche abwägen. Genau deshalb gibt es aber die klare Regel: Wer Rot sieht, ist im nächsten Spiel gesperrt, unabhängig davon, wie hart oder wie mild man den Platzverweis empfindet. Artikel 66.4 ist stumpf, und stumpf ist er mit Absicht. Der Preis für Berechenbarkeit ist, dass auch Fälle wie Balogun darunterfallen. Das ist keine Härte, das ist Gleichbehandlung.
Artikel 27 wiederum, auf den sich die FIFA nun beruft, eröffnet einen Ermessensspielraum. Ein Ermessensspielraum, der nach einem Anruf aus dem Weißen Haus genutzt wird, ist kein Ermessensspielraum mehr. Er ist eine Einladung an jeden Staatschef, es beim nächsten Fall genauso zu versuchen. Die FIFA hätte die Möglichkeit gehabt, den Vorgang nüchtern zu erklären, ohne die politische Ebene sichtbar zu machen. Dass Trump sich öffentlich bedankt hat, hat sie selbst nicht zu verantworten. Dass sie ihm etwas zu danken gegeben hat, schon.
Die Belgier haben in dieser Konstellation wenig zu gewinnen und viel zu verlieren. Sie werden das Achtelfinale wohl gegen einen Balogun spielen müssen, gegen den sie nach dem Regelwerk nicht hätten spielen müssen. Danach bleibt die Frage, ob der Weltverband bereit ist, den eigenen Artikel 66.4 zu verteidigen, wenn es nicht der US-Präsident, sondern irgendein anderer ist, der anruft. Man wird die Antwort im nächsten Fall sehen.