Ehrenamt will weniger Bürokratie, aber mehr Wertschätzung
Susanne Amar und Gerd Thomas zeigen, wie Vereine Aufgaben teilen, Kommunikation verbessern und Verbände praxisnah unterstützen können.
„Wir können das Ehrenamt nicht mehr so betreiben wie vor dreißig Jahren“, sagt Kommunikationsexpertin Susanne Amar im Gespräch mit Gerd Thomas. Im 2. Teil reden die beiden darüber, wie es gelingt, konkrete Wege für mehr Engagement zu finden. Aber auch wie man Führung neu denkt und Verbände ihre Mitglieder besser erreichen können. Teil 1 beleuchtete die Ausgangslage des Ehrenamts; im 3. Teil werden Eltern, Ältere, Aktive und Vielfalt im Mittelpunkt stehen.

Gerd Thomas: Die Herausforderungen für das Ehrenamt steigen: Digitalisierung, Kinder- und Datenschutz und vieles mehr werden verlangt, gleichzeitig wächst die Bürokratie ständig an, statt wie versprochen weniger zu werden. Die Situation für die Vereinsvorstände wird nicht leichter. Und selbst die viel gepriesene KI kann nicht mal eben fünf neue Ehrenamtliche herzaubern.
Susanne Amar: Viele Verantwortliche empfinden die Arbeit im Verein schwieriger als im Unternehmen, obwohl er doch die Herzensangelegenheit ist. Das zeigt nur: Wir können das Ehrenamt nicht mehr so betreiben wie vor dreißig Jahren. Für Führungskräfte – Vorstände, Abteilungsleitungen, Coaches – ist entscheidend, wie sie den Verein und die Menschen dort leiten und anleiten.
Gerd Thomas: Als Trainer, Jugendleiter oder Vorsitzender muss man ständig Entscheidungen treffen.
Wir müssen es nicht allen recht machen
Susanne Amar: Führung ist ein großes Thema. Jüngere gehen mit Führung und Hierarchien anders um. Sie arbeiten gern kollaborativ, also gemeinschaftlich Hand in Hand. Das ist ein Fortschritt. Aber natürlich müssen Entscheidungen getroffen werden. Die tun manchmal weh und gefallen nicht allen. Müssen sie auch nicht. Es hat noch nie funktioniert, es allen recht machen zu wollen. Wichtig ist, dass die Entscheidung im Sinne des Vereins, also der Gemeinschaft, getroffen wird.
Gerd Thomas: Und wir sollten den Vereinsmitgliedern beziehungsweise den Betroffenen zu kommunizieren, warum wir so entschieden haben. Aber auch, wer welche Rolle hat und was sie bedeutet. Ein Vorsitzender stellt nicht die Mannschaft auf, ein Trainer entscheidet nicht, welche Kleidung eingekauft wird.
Susanne Amar: Wichtig ist, dass der Mehrwert aller Personen für den Verein oder die Mannschaft klar wird, auch wenn die Aufgabenfelder völlig unterschiedlich sind. Entscheidungen sollten sinnstiftend für das Kollektiv sein.
Gerd Thomas: Ich muss nicht erklären, warum ich welchen Kugelschreiber kaufe. Aber bei der Marke der Trikots und Bälle, bei der Verteilung der Trainingszeiten, sogar bei der Bratwurst und der Biersorte wollen die Leute Erläuterungen haben. Nicht immer stellen sich alle Entscheidungen als richtig heraus, etwa bei der Besetzung von Trainerposten. Aber hinterher ist man auch immer schlauer als vorher. In der Regel gelingt Ehrenamtlichen mehr, als schiefgeht. Doch mit Fehlerkultur haben wir Deutsche ein echtes Problem. Nicht nur in Berlin wird mehr gemeckert als gelobt.
Susanne Amar: Ehrenamtliche brauchen Zuspruch. In unseren Workshops haben wir erfahren, wie groß das Bedürfnis nach Wertschätzung ist.
Gerd Thomas: Das ging mir auch so. Es waren wirklich großartige Menschen dabei, die jede Wertschätzung der Welt verdient haben.
Sozialkompetenz kommt viel zu kurz
Susanne Amar: Für mich gehören Wertschätzung, Fehlerkultur und „Einfach machen“ eng zusammen. Nur wenn wir akzeptieren, dass das eine ohne das andere nicht geht, kommen wir voran.
Gerd Thomas: Deshalb möchte ich den Verbänden einen Rat geben: Sprecht in euren Schulungen nicht nur über Haftung, Satzungen und Ordnungen. Das ist wichtig, aber mindestens genauso müssen Engagierte den Umgang mit schwierigen Situationen lernen. Sozialkompetenz und zwischenmenschliches Verhalten sollten Inhalt jeder Fortbildung sein, ob für Trainer, Schiedsrichter oder Vorstände. Das kommt viel zu kurz. Was nützt es mir, wenn ich die Spielordnung auswendig kenne, aber mit den Menschen auf dem Platz nicht klarkomme? Wichtig ist auch zu wissen, wo es Hilfe gibt und wer als Mentor zur Verfügung stehen könnte. Ich glaube, wir brauchen Übersetzer, die den Verbänden sagen, wie es in den Vereinen wirklich aussieht.
Susanne Amar: Die Verbände sollten mehr praxisnahe Angebote für ihre Vereine machen. Aus unseren Workshops und Meetings wissen wir, dass viele Vereine nicht zufrieden sind. Die Angebote hören oft auf, wenn es um konkrete Umsetzung geht. Ihnen fehlt der praktische Bezug, um Theorie in die Tat umzusetzen. Gleichzeitig sagen einige Verbände ehrlich, dass sie ihre Vereine nicht mehr erreichen. Auch hier spielen zielgerichtete Kommunikation und Wording eine wichtige Rolle. Vereine kommen dann, wenn sie glauben, die Fortbildung hilft ihnen weiter.
Viele Vereine bemängeln, dass sie zwar viele Informationen bekommen, die Verbände sich aber nicht genug in ihre alltägliche Arbeit hineinversetzen. Sie erwarten mehr praktische Unterstützung. Ein Teilnehmer sagte neulich: „Die Verbände wissen doch gar nicht, was in den Vereinen los ist und was wir benötigen.“ Ich würde mir viel mehr praxisnahe Angebote wünschen: Wie gewinne ich Ehrenamtliche? Wie halte ich sie? Wie gehen wir mit Eltern um? Wie stärke ich Vorstände? Und immer wieder: Wie sieht gute Kommunikation aus? Denn sie ist die Basis für alles. Unser Handbuch „Ehrenamt mittendrin“ haben wir auf Grundlage der Erkenntnisse und Wünsche der Vereine erarbeitet. Solche Workshops zur Stärkung des Ehrenamts im Sport sollte es viel mehr geben.
Fast 20 Prozent der Vereine sind gefährdet
Gerd Thomas: Das kostet die Verbände Ressourcen. Mir scheint, die wären nicht ausreichend vorhanden. Womit wir bei der Politik wären. Es gibt ja einen Staatsminister für Sport und Ehrenamt, eigentlich eine passende Kombination. Ich wünsche mir von ihm und seinem Umfeld Ideen und Unterstützung. Auch wenn die Kassen leer sind, würde ich als Regierung immer Geld für die Fortbildung Ehrenamtlicher in die Hand nehmen. Sie bilden das Gerüst für viele Aktivitäten im Land: Nachbarschaftshilfe, Kirche, Soziales, Umweltschutz und Sport.
Der DOSB spricht von rund zwei Millionen Ehrenamtlichen im engeren Sinne und mehr als sechs Millionen freiwilligen Helferinnen und Helfern, die zum Gelingen der 86.000 Sportvereine beitragen. Würden wir für die Fortbildung jedes Engagierten im Sport nur einen Euro einsetzen, wären das 8,5 Millionen Euro. Läge die Zahl aller Vereinsmitglieder zugrunde, wären es schon 30 Millionen. Ich kann mir kaum eine bessere Investition in den Zusammenhalt der Gesellschaft vorstellen.
Gerd Thomas: Absolut. Mittlerweile sehen fast zwanzig Prozent der Sportvereine ihre Existenz gefährdet, weil ihnen ehrenamtliche Funktionsträger und Vorstände fehlen. Als Hauptgründe nennen Engagierte vor allem den hohen bürokratischen Aufwand im Vereinsalltag und den steigenden Zeitdruck. Womit wir wieder bei der Fortbildung wären.
Wir müssen das Ehrenamt grundsätzlich umdenken, hast du gesagt. Bitte erläutere das einmal.
Susanne Amar: Früher war der Verein ein sozialer Treffpunkt. Man hat sich am Samstag vor Ort getroffen, manchmal weit über die sportlichen Aktivitäten hinaus, abends auch gern im Vereinsheim. Durch die veränderten Lebenswelten halten sich viele kaum noch im Verein auf. Das hat Folgen. Aber man kann gegensteuern, etwa indem wir Vorstände besser schulen.
Wir müssen auf veränderte Lebenswelten reagieren
Gerd Thomas: Jedes vernünftige Unternehmen würde auf veränderte Lebenswelten reagieren, um zukunftsfähig zu bleiben, nicht zuletzt durch Fortbildungen der Mitarbeitenden. Warum machen wir das nicht auch in den Sportvereinen? Die Zahlen aller Berichte zu Engagement und Ehrenamt sind eindeutig. Nehmen wir mal an, wir würden fünf Jahre lang finanziell so gefördert, dass wir möglichst viele Vereine und Verbänden beraten könnten, was würden wir tun?
Susanne Amar: Wir würden zunächst die Bedarfe erheben. Die meisten kennen wir längst. Trotzdem ist wichtig, dass jeder Verein sie für sich erarbeitet, denn Verein ist nicht gleich Verein
Gerd Thomas: Und Verband ist nicht gleich Verband, wie wir wissen.
Susanne Amar: Völlig richtig. Wir müssen ins Tun kommen und diskutieren, welches Ehrenamt wir für die veränderten Lebenswelten benötigen. Darüber machen sich die wenigsten Gedanken, weil sie vom Alltag so getrieben werden, dass sie kaum Luft holen, geschweige denn reflektieren. Die neuen Gegebenheiten verlangen aber einen anderen Umgang, nicht zuletzt mit der zunehmenden Digitalisierung und dem nachlassenden Willen zum Engagement.
Zusätzlich müssen die ehrenamtlichen Aufgaben eines Vereins identifiziert werden. Wenn ich sie kenne, kann ich gezielt Personen ansprechen. Hilfreich ist die Arbeit in Arbeitsgruppen und Teams. Außerdem sollten Vereine anders wahrgenommen werden: als Unternehmen. Dort gibt es Management, Führung, Etatplanung und Personalwesen. Diese Herausforderungen sind oft nicht mehr nur mit Ehrenamtlichen zu bewältigen. Ab einer bestimmten Größe gilt es, Hauptamtliche zu finden und deren Finanzierung zu sichern. Deren Aufgaben müssen klar definiert und transparent gemacht werden, damit sie Akzeptanz finden und sich Ehrenamtliche ohne finanzielle Entschädigung nicht benachteiligt fühlen.
Gerd Thomas: Es gibt viel Änderungsbedarf und vor allem mehr Unterstützungsbedarf für das Ehrenamt. Mein Vereinskollege Anton Klischewski hat gerade im Hartplatzhelden-Podcast gesagt: „Jeder Verein sollte in einen Prozess der Organisations-Entwicklung gehen. Da rollen jetzt viele mit den Augen, aber er hat ja recht. Wir sollten uns ernster nehmen und daran arbeiten, durch Überforderungen oder falsche Organisation nicht den Spaß zu verlieren. Mich stimmt positiv, dass viele Menschen in den Vereinen beratungsoffen sind und sich nicht entmutigen lassen. Auch wenn fast alle gesagt haben, sie hätten gern mehr Wertschätzung. Zudem gab es noch nie so viele Menschen, die Sport-Management oder -Soziologie studiert haben. Die brauchen wir für die Vereine und dürfen sie nicht an andere Bereiche verlieren.
Im dritten Teil wird es um diese Zielgruppen des Ehrenamts gehen: Eltern, Großeltern, junge Menschen, Frauen und Menschen mit Zuwanderungsgeschichte.
