SOS in Vereinen: Viele Engagierte gehen auf dem Zahnfleisch

Gerd Thomas und Susanne Amar ziehen Bilanz: Das Ehrenamt ist rückläufig, die Anforderungen steigen – Vereine und Verbände müssen reagieren.

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SOS in Vereinen: Viele Engagierte gehen auf dem Zahnfleisch
Susanne Amar und Gerd Thomas beim Workshop in der Sportschule des Landessportbundes Berlin. Foto: Gerd Thomas

Susanne Amar ist Kommunikationsexpertin im Kinder- und Jugendfußball, berät Vereine und Verbände und hat gemeinsam mit Gerd Thomas, Ehrenvorsitzender beim FC Internationale Berlin und Mitglied der Hartplatzhelden das interaktive Buch „Ehrenamt mittendrin“ entwickelt. Die beiden sprechen in drei Teilen über die Lage des Ehrenamts im Sport – und darüber, warum die Botschaft „Wir suchen Ehrenamtliche!“ allein nicht mehr reicht und gute Kommunikation für Vereine elementar ist.


Gerd Thomas: Hallo Susanne, du giltst als Expertin für das Thema Engagement im Verein und hast ein Buch über Fußballeltern geschrieben. Gemeinsam haben wir beide in den letzten drei Jahren mehrere Workshops zur Stärkung des Ehrenamts im Sport durchgeführt. Zeit für eine Bilanz: Wie sieht deine aus?

Susanne Amar: Ehrenamt erhält mehr Aufmerksamkeit, zum Beispiel durch den vom Bundespräsidenten ins Leben gerufenen Ehrentag. Aber ein Tag allein reicht natürlich nicht, auch die anderen 364 Tage sind wichtig. Die Wertschätzung ist dennoch lobenswert. Der Bedarf, das Ehrenamt zu unterstützen und neu zu denken, wird immer deutlicher. Auch Verbände nehmen sich vereinzelt des Themas an. Gleichzeitig wird immer klarer: Viele Engagierte gehen auf dem Zahnfleisch und haben großen Unterstützungsbedarf. Das haben wir auch in unseren Workshops erfahren. Dort haben wir aber auch gezeigt, dass wir zusammenrücken und uns gegenseitig helfen sollten.

Gerd Thomas: Ich höre auch über den Sport hinaus, dass es für das zivilgesellschaftliche Engagement, zu dem ja auch der Breitensport gehört, schwieriger wird. Allein schon, weil die staatlichen Töpfe leer sind, aber auch, weil es nicht leichter wird, Interessierte für das Ehrenamt zu finden.

Susanne Amar: Das sehe ich ähnlich. Hier kommt nicht zuletzt den Sportverbänden eine wichtige Rolle zu. Viele Vereine erwarten von ihnen mehr Unterstützung. Die Verbände müssen ein Eigeninteresse daran haben, dass es den Vereinen gut geht. Natürlich muss von den Vereinen auch Eigeninitiative kommen. Aber die Verbände könnten mit Schulungen und Workshops wie unseren die Vorstände in den Clubs unterstützen und sie befähigen, sich auf die steigenden Herausforderungen vorzubereiten. Viele sind hochengagiert, wissen aber oft nicht, wie sie die Anforderungen bewältigen sollen.

Kommunikation und die richtige Ansprache der Zielgruppen stehen im Fokus. Ein Aushang „Wir suchen Ehrenamtliche!“ reicht nicht aus. Menschen möchten persönlich angesprochen werden und wollen wissen, wo und wie sie helfen können. Gleichzeitig wachsen die Herausforderungen für die Vereine.

Gerd Thomas: Da fallen mir sofort Digitalisierung, neue Medien, schlechte Infrastruktur oder fehlende Jugendleitungen ein. Wenn der Berg dann zu hoch wird, kann ein Vorstand daran schon mal verzweifeln.

Vereine müssen sagen, wofür sie Leute brauchen

Susanne Amar: Es gibt Dinge, die schwer zu beeinflussen sind, etwa marode Sportstätten. Aber in den Vereinen steckt weit mehr Potenzial, als die meisten glauben. Nehmen wir an, ein Verein hat zehn oder zwanzig Jugendmannschaften. Hinter den Aktiven verbergen sich Eltern, Großeltern und Geschwister, die vielleicht Lust haben, sich zu engagieren. Die Vereine müssen ihnen aber sagen, wofür Leute gesucht werden. Sie können ja nicht wissen, ob gerade Menschen für Finanzen, Öffentlichkeitsarbeit, Catering oder einfach zum Waschen und Sortieren der Trikots gebraucht werden.

Gerd Thomas: Das kann ich aus mehr als 25 Jahren Verantwortung im Ehrenamt bestätigen. Viele wollen das Richtige, wissen aber nicht, wie sie dorthin kommen. Immerhin bekomme ich inzwischen öfter Anrufe, ob ich eine Idee habe – was tatsächlich manchmal vorkommt.

Susanne Amar: Austausch ist der erste Weg zum Erfolg. Ich muss mitteilen, wo der Schuh genau drückt. Vereine sollten mehr über ihre Mitglieder und deren Umfeld erfahren. Gibt es vielleicht eine Steuerberaterin, eine Programmiererin, einen Elektriker oder einen Agenturinhaber im Verein? Dann fallen die Ansprache und die Eingrenzung des Themengebiets viel leichter.

Gerd Thomas: Da triffst du ins Schwarze, denn ich habe das selbst erlebt. Als ich mit meinem Sohn zum FC Internationale kam, stand in der Einladung zur Mitgliederversammlung: „Wir suchen eine oder mehrere Personen für die Öffentlichkeitsarbeit.“ Zwei haben sich sofort gemeldet, einer davon war ich. Da ich außerdem schon eine Jugendmannschaft trainierte und gut organisieren kann, wurde ich wenig später gemeinsam mit einem Mitspieler sogar Jugendleiter.

Susanne Amar: Ein gutes Beispiel, zumal es gut ist, wenn man nicht allein dasteht. Das macht die Situation leichter. Nicht immer muss die Verantwortung auf nur einer Person lasten. Sonst finden wir heute kaum noch jemanden. Die Aufgaben müssen sich an den Lebenswelten der Zielgruppen orientieren. Wir sollten zudem Synergien schaffen, warum nicht sogar mit anderen Vereinen? Man könnte Stellen teilen, sich vernetzen und gegenseitig helfen. Der erste Ansatz ist zu merken: Es gibt Verbündete. Warum soll das Pass- und Meldewesen nicht von einer Person für zwei Vereine gemacht werden? Oder die Mitgliederverwaltung? Das lässt sich auf weitere Bereiche ausweiten.

Gerd Thomas: Das mit der Verantwortung kenne ich gut. Es gibt Phasen, in denen man sich fast ein wenig einsam fühlt. Als Trainer, Jugendleiter oder Vorsitzender muss man ständig Entscheidungen treffen. Das fällt vielen nicht leicht, denn es sind ja nie alle damit zufrieden. Da helfen zuverlässige Verbündete oder zumindest gute Ratgeber. Die sollte man sich suchen und immer wieder das Gespräch suchen, um das eigene Tun zu reflektieren. Mir fällt noch etwas ein: Vereine könnten sich zu einer Einkaufsgemeinschaft zusammenschließen und bei Lieferanten bessere Konditionen aushandeln. Nach dem Motto: In den Farben getrennt, im Einkauf gemeinsam.

Susanne Amar: Ein gutes und einfach umzusetzendes Beispiel.          

Die KI findet keine Ehrenamtlichen

Gerd Thomas: Digitalisierung, Daten- und Kinderschutz, Trainermangel … Die Situation wird gerade nicht leichter. Und die viel gepriesene KI ersetzt die Arbeit nicht, erleichtert sie an der einen oder anderen Stelle vielleicht ein wenig. Aber dazu muss man sich damit auskennen. Vor allem kann ich der KI nicht sagen: „Such mir mal zehn Ehrenamtliche!“ Womit wir wieder beim Thema Kommunikation sind. Auch unser örtlicher Fußballverband sagt mir, dass es immer schwerer wird, sogenannte Volunteers zu finden.

Susanne Amar: Es geht immer um gute Kommunikation, nach innen und außen. Wichtige Ebenen sind: Wie spricht der Vorstand mit seinen Leitungspositionen? Wie kommuniziert die Jugendleitung mit den Trainern? Wie reden Trainer mit Eltern? Oft gibt es Kommunikationslecks, weil wir Dinge voraussetzen, die dem Gegenüber völlig unklar sind. Wir sollten uns vor einem Gespräch überlegen, was wir verlangen und vermitteln wollen. Der Perspektivwechsel hilft: Ich versetze mich in die Rolle meines Gegenübers und überlege, was diese Person benötigt und wissen will, damit sie Lust auf das Amt bekommt.

Gerd Thomas: Ein wunder Punkt: Oft wird im Verein versucht, Dinge mal eben zwischen Tür und Angel zu klären. Da ist schon der Rahmen falsch. Wichtige Dinge sollte man nicht nebenbei besprechen, sondern sich vorbereiten und klar werden, welches Ergebnis man erzielen möchte. In Vereinen gibt es oft eine sehr oberflächliche Gesprächskultur, auch weil viele gehetzt sind: Sie müssen gleich auf den Platz oder nach dem Training schnell nach Hause, weil die Familie wartet. Ich habe eine kleine Umfrage unter Verantwortlichen gemacht: Was ist schwieriger zu führen: Verein oder Unternehmen? Die Antwort war eindeutig.

Wir können das Ehrenamt nicht mehr wie vor 30 Jahren betreiben

Susanne Amar: Klar, den Verein empfinden viele als schwieriger, obwohl er die Herzensangelegenheit ist. Deine Umfrage zeigt vor allem: Wir können das Ehrenamt nicht mehr so betreiben wie vor dreißig Jahren. Die Welt dreht sich weiter. Für Führungskräfte – und genau das sind Vorstände, Abteilungsleitungen und Coaches – ist entscheidend, wie sie die Leute gezielt ansprechen.

In unseren Workshops haben wir außerdem gemerkt, dass viele Menschen in den Vereinen beratungsoffen sind und sich nicht entmutigen lassen. Aber fast alle hätten aber gern mehr Wertschätzung. Eine Teilnehmerin sagte einmal: „Ich würde auch noch zwei Stunden pro Woche mehr machen, ohne Geld dafür zu kriegen. Aber ich will mich dafür nicht noch beschimpfen lassen, sondern freue mich auch mal über ein Lob.“ Das zeigt, wie groß das Bedürfnis nach Anerkennung ist.

Gerd Thomas: Auf jeden Fall, aber wir können das Ehrenamt nicht allein verändern. Dafür brauchen wir alle: Verbände, Politik, Vereine, Eltern, Medien und viele mehr. Martin Engelhardt, Präsidentschafts-Kandidat für den DOSB, bemängelt im Deutschlandfunk-Sportgespräch, dass in Deutschland viel zu wenig Menschen Sport treiben, insbesondere Kinder und Jugendliche. Das zu verändern, geht ja nur mit mehr Engagierten.

Susanne Amar: Wichtig ist, mit den Veränderungen anzufangen und mehr Geschwindigkeit in die Transformationsprozesse zu bringen. Die meisten Vereine schaffen das nicht allein. Das muss auch DFB, DOSB und den vielen Landesverbänden klar sein. Die Funktionäre dort tragen ebenfalls Verantwortung dafür, das Ehrenamt zu stärken.


Im zweiten Teil sprechen Susanne Amar und Gerd Thomas darüber, wie Vereine Aufgaben verteilen, Kommunikation verbessern, Eltern einbinden und das Ehrenamt zukunftsfähig machen können.