Die Personalie Klopp beruhigt - doch Bayer-Boss Carro stellt die richtige Frage
Zehn Jahre Warten auf ein Trainingszentrum: Ein großer Name lenkt ab von dem, was der deutsche Fußball wirklich blockiert.
Ein Sechzehntelfinale gegen Paraguay, davor zweimal das Aus in der Gruppenphase: Wer nach dieser Serie noch glaubt, ein einzelner Name auf der Trainerbank könne den deutschen Fußball drehen, hat die Diagnose nicht gestellt, sondern nur den Wunschzettel geschrieben. Jürgen Klopp ist dieser Name, und Fernando Carro tut das einzig Vernünftige: Er lobt den Mann und entzaubert die Erwartung an ihn im selben Atemzug. Der Leverkusener Klubboss verschiebt die Debatte weg von der Personalie, hin zu dem, was unter der Personalie liegt. Das ist keine Majestätsbeleidigung gegen Klopp, sondern die Rückkehr zur eigentlichen Frage.
Denn die Rechnung, die Carro aufmacht, ist unbequem, weil sie so schlicht stimmt. "Ein Trainer allein kann langfristige und strukturelle Herausforderungen nicht lösen", sagt er der AFP, und benennt, was stattdessen zählt: Nachwuchskonzept, Infrastruktur, Leistungsprinzipien, die Bereitschaft zum Wandel. Wer das für Phrasen hält, sollte sich das Beispiel ansehen, das Carro liefert. Leverkusen wartet seit fast einem Jahrzehnt auf die Genehmigung für ein neues Trainingszentrum – ein Projekt, dessen Umfang man bereits reduziert hat, ohne dass die Genehmigung dadurch näher gerückt wäre. Ein Jahrzehnt. Für ein Trainingszentrum eines Bundesligisten.
Das ist der Punkt, an dem die Kritik von der Rhetorik in die Substanz kippt. Carro nennt strukturelle, politische und kulturelle Probleme – und liefert mit dem Trainingszentrum den Beleg gleich mit, dass er nicht über Stimmungen spricht, sondern über Vorgänge. "Projekte, die diese Bedingungen verbessern sollen, werden zu oft durch Bürokratie und langwierige Entscheidungsprozesse ausgebremst." Man kann diesen Satz als Klage eines Klubmanagers abtun, der seinen Bau nicht bekommt. Man kann ihn aber auch ernst nehmen als Beschreibung eines Landes, das seine eigenen Ambitionen selbst blockiert. Wer zehn Jahre auf einen Stempel wartet, muss sich über zehn Jahre sportlichen Rückstand nicht wundern.
Reizvoll ist, dass Carro die Vorbilder nicht auf anderen Kontinenten sucht, sondern direkt vor der Tür. Spanien, England, Frankreich: drei der vier WM-Halbfinalisten, "ähnlich entwickelte Fußballnationen", die laut Carro konsequent in moderne Infrastruktur, Akademien und die Ausbildung von Trainern und Spielern investiert haben. Das nimmt der deutschen Debatte die letzte Ausrede. Es geht nicht um Talente, die es anderswo im Überfluss gäbe, und nicht um klimatische oder demografische Vorteile ferner Länder. Es geht um dieselbe Ausgangslage – und um die Frage, wer daraus konsequent etwas macht und wer nicht.
Die Forderung nach engerer Verzahnung von Schule und Sport gehört in dieselbe Logik: Wer erst beim Bundestrainer anfängt, das System zu reparieren, beginnt am falschen Ende der Kette. Klopp verdient den Respekt, den Carro ihm zollt, aber Respekt ersetzt keine Rahmenbedingungen. Ein Bundestrainer arbeitet mit dem, was die Struktur ihm liefert, und wenn die Struktur seit Jahren blockiert, was sie selbst genehmigen müsste, dann ist die Personalie nur die Kulisse für ein Versäumnis dahinter.
Das Verdienst von Carros Wortmeldung liegt genau darin, dass sie die Erleichterung nach der Klopp-Verpflichtung stört. Ein großer Name beruhigt – und lenkt ab. Wenn Deutschland nach diesem WM-Aus wirklich etwas ändern will, dann ist die entscheidende Frage nicht, wer künftig an der Seitenlinie steht, sondern ob ein Land seine eigenen Trainingszentren in unter zehn Jahren genehmigt bekommt.
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