Die Gen Z und der organisierte Sport sollten sich zusammentun

Kaputte Sportstätten, fehlende Trainer, überfüllte Vereine. Arme Familien finden immer schwerer Zugang zum Sport. Gerd Thomas sieht den Tatbestand der Diskriminierung erfüllt.

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Die Gen Z und der organisierte Sport sollten sich zusammentun
Nicht nur das Schul- und Sozialsystem braucht Investitionen, auch der Sport ist Teil von Bildung und Teilhabe. Foto: Gerd Thomas

Die junge Generation demonstriert. Die Gründe sind mehr als nachvollziehbar, auch wenn ein Thema fehlt: die Sportstättenmisere. Diese ist gerade in Ballungsräumen ein Riesenthema. Kaputte Hallen und Sportplätze stehen den maroden Schulgebäuden in nichts nach. Fehlen in den Bildungsstätten Lehrkräfte, mangelt es auf den Sportanlagen zunehmend an Ehrenamtlichen, nicht zuletzt Trainern. Die jüngsten Erhebungen sprechen eine klare Sprache.

Die Leidtragenden sind in beiden Fällen die jungen Menschen. Viele von ihnen möchten gern im Verein Sport treiben. Nicht zuletzt wollen sie in einer Mannschaft mit Freunden Fußball spielen, doch viele Vereine führen nicht einmal mehr Wartelisten. Die sind zu frustrierend für alle Beteiligten. Vereine müssen ihre Energie in andere Dinge stecken als in Excel-Tabellen mit den Namen von Kindern und den Telefonnummern der Eltern. Die überbordende Bürokratie erdrückt sie ohnehin schon. Die Aufnahme in ein Team ist ohnehin aussichtslos, denn nur sehr selten wird ein Platz frei. Falls doch, wird er auch ohne aufwendige Verwaltung sehr schnell besetzt.

Kein Platz, keine Trainer, keine Perspektive

Michi Franke von der FT München-Gern erzählte neulich von seinem Zahnarztbesuch. Nichts Schlimmes, reine Routine, aber das Gespräch mit der Zahnärztin war dennoch interessant. Die sucht nämlich für ihren siebenjährigen Sohn einen Verein und stellt fest: Die Plätze sind bereits alle vergeben. Für ihren drei Jahre älteren Jungen hat sie die Hoffnung längst aufgegeben.

Was macht das mit einer Gesellschaft, wenn selbst Kinder aus bestem Hause mit sieben Jahren schon zu alt sind, um in einem Sportverein Fuß zu fassen?

Nun sollte eine reiche und solidarische Republik nicht auf den Beruf oder das Einkommen der Eltern blicken, wenngleich das natürlich vielerorts trotzdem geschieht. Es gibt reihenweise Vereine, in denen sich Eltern regelrecht einkaufen, etwa als Sponsoren oder Spender. Manchmal spielen Kinder in Teams, in denen sie leistungsmäßig falsch eingeordnet sind. Aber Papa kann bei der nächsten Barbecue-Party stolz erzählen, sein Sprössling laufe im leistungsstarken Verein XY in der ersten D-Jugend auf. Das ist nicht nur widerlich, es ist auch für die Entwicklung des Kindes nicht sinnvoll.

Wenn Mitgliedschaft zur Frage des Geldes wird

Immer mehr Fußballvereine verlangen sehr hohe Mitgliedsbeiträge, vereinzelt sogar mehr als 500 Euro im Jahr – ein Niveau, das man sonst eher vom Tennis kennt. Kinder und Jugendliche finden sich dennoch offenbar genügend. Ob das gesamte Geld tatsächlich in den Vereinskassen ankommt oder sich Verantwortliche schadlos halten, ist eine andere Geschichte.

Viele Clubs verlangen zudem hohe Aufnahmegebühren sowie Zahlungen für Spiel- und Trainingskleidung oder für Feriencamps. Hinzu kommt immer häufiger, dass mindestens ein Erziehungsberechtigter ebenfalls eine passive oder fördernde Mitgliedschaft im Verein abschließen muss. Das ist mindestens anrüchig, funktioniert aber natürlich trotzdem.

Arme Familien haben auf diese Weise kaum noch die Chance, ihre Kinder im Verein unterzubringen. Das erfüllt dann den Tatbestand der Diskriminierung.

Diskriminierung auch außerhalb des Platzes

Rassismus im Fußball war und ist ohnehin immer ein Thema. Wer die Berichterstattung zu den Demonstrationen vom Wochenende verfolgt, hört Ausgrenzung und Diffamierung auch unverhohlen von offizieller politischer Seite. Denn neben dem Etikett „linksradikal“ wird den Gruppen, aus denen Sachbeschädigung hervorging, von mehreren Innenministern nachgesagt, sie kämen aus dem migrantischen Milieu.

Einige dieser Spitzenpolitiker waren laut Medien selbst mit dem Handy unterwegs und machten Videoaufnahmen. Wie sie ihre Zuordnungen vornehmen, bleibt ihr Geheimnis. Scheren sie einfach alle Menschen mit ähnlichen Nachnamen wie Gündoğan, Boateng oder Amiri über einen Kamm und stellen sie unter Generalverdacht?

Ein Hinweis an Bundesinnenminister Alexander Dobrindt, dessen Vorname aus dem Altgriechischen und dessen Nachname aus dem Slawischen stammen, und seine Mitgrätscher: Auch die Nationalspieler Klose, Magath, Scholl und Podolski haben einen sogenannten Migrationshintergrund – wie schon in früheren Jahren Jupp Posipal, Held von Bern, oder Vizeweltmeister Hans Tilkowski. Genauso wie sehr viele Kinder in den deutschen Grundschulen eine familiäre Zuwanderungsgeschichte haben. Schätzungen gehen von rund der Hälfte aus.

Wenn aber viele von ihnen nicht mehr in den „deutschen“ Sportvereinen „integriert“ werden können, weil es zu wenig Übungsleiter und Sportanlagen gibt, werden die Probleme nicht kleiner.

Interessieren sich Innenminister für Breitensport?

Unnötig zu erklären, dass die in den Vereinen vermittelte Bewegung den Lernerfolg in der Schule selbst dann steigert, wenn dort die Klos stinken, Lehrkräfte fehlen und die Heizung ausfällt. Dass der Amateurfußball auch Belastbarkeit, Teamgeist, Disziplin und Kommunikationsfähigkeit fördert, sollten inzwischen auch die meistens verantwortlichen Innenminister wissen. Sofern sie sich für den Breitensport überhaupt interessieren.

Unlängst lief ein Beitrag mit dem Titel „Generation Warteliste – Kinder ohne Bewegung“, ausgestrahlt zu bester Sendezeit in der Sportschau. Die gezeigten Beispiele machen anschaulich, wie dramatisch die Situation ist. Man hätte tausende Vereine mit ähnlichen Problemen finden können.

Beim nächsten Demo-Wochenende der Gen Z sollten auch die Sportstätten thematisiert werden. Dann würden sich bestimmt auch viele Erwachsene solidarisieren und mitmarschieren – etwa Trainer, Vorstände und Eltern.

Auf die anschließende Zuschreibung der Innenminister für die Protestierenden darf man gespannt sein. Vielleicht gibt es dann für einige die gelb-rote Karte wegen wiederholten verbalen Fouls.