Hertha BSC steigt auf: Was ist da bloß schiefgegangen?
Fever Pit'ch-Kolumnist Alex Steudel über das Überrraschungsteam der 2. Liga: Die Berliner stehen mit 28 Punkten aus zehn Spielen auf Platz eins – Zweitligarekord
Am Wochenende habe ich einen merkwürdigen Text gelesen. In ihm stand, dass Hertha BSC "das Maß aller Dinge" bleibe. Ich musste schmunzeln, denn früher hätte so eine Formulierung bedeutet, dass wieder einmal etwas schiefgegangen ist beim Hauptstadtklub. Was das Schiefgehen von Dingen angeht, war Hertha BSC jahrelang wirklich das Maß aller Dinge.
Und jetzt steigen sie plötzlich auf. Zuletzt 3:0 beim Dritten Kaiserslautern, Platz eins. Mit großem Abstand.
Das mit dem Aufsteigen ist nicht voreilig formuliert – wir haben ja erst November –, es lässt sich statistisch untermauern: Noch nie ist ein Zweitligaklub, der nach zehn Spieltagen 28 Punkte eingesammelt hatte, nicht aufgestiegen. Wobei hinzugefügt werden muss, dass noch nie ein Zweitligaklub nach zehn Spieltagen 28 Punkte hatte. Aber selbst einige Spitzenreiter mit weniger Punkten nach zehn Spieltagen gingen später hoch in Liga eins.
Hertha BSC steigt auf. Was ist da bloß schiefgegangen?

Der Fehler beim Erstliga-Absteiger 2023 ist schon vor einer Weile passiert: Einigermaßen kurios ist nämlich, dass der ganze Aufschwung unter Führung von Ultras, also waschechten Fans, passiert ist. Die hatten 2022 mit Kay Bernstein als Präsident den Klub übernommen, worauf der "Berliner Weg" ausgerufen und eingeschlagen wurde. Im Jahr 2024, nach Bernsteins überraschendem Tod, übernahm Fabian Drecher, ebenfalls ein Ultra.
Die neuen Bosse wussten womöglich mangels Berufserfahrung nicht, dass man im Profigeschäft den Trainer entlässt, um von eigenen Unzulänglichkeiten abzulenken. Obwohl Stefan Leitl seine Ziele anfangs verpasste, hielt man also an ihm fest – jetzt schon 623 Tage lang. "Man", das ist übrigens unter anderem der eher unbekannte Benjamin Weber, Sportdirektor seit 2023. Ich bin überzeugt, unter einem Hardcore-Manager wie Dieter "Le Vérein c'est moi" Hoeneß wäre für Leitl nach 623 Stunden Schluss gewesen.
Als diesen Sommer gar ein ganzer Haufen der besten Spieler (zum Beispiel Leistner, Reese, Cuisance) die Hertha verließen, schrien viele nach Verstärkungen – die kurvenreiche Hertha holte Spieler im Wert von 150.000 Euro. Es hat funktioniert, man verlor noch keines der zwölf Pflichtspiele 2026/27, steht also auch im Achtelfinale des DFB-Pokals.
Es gibt also nur gute Nachrichten vom zweitbesten Verein mit dem neunundzwanzigstgemütlichen Stadion der Hauptstadt. Trainer Leitl hat die Mannschaft, wie es so schön heißt, auf Kurs gebracht. In "Bild" habe ich gelesen, wie er das geschafft hat: Nach Auswärtssiegen gibt's zur Belohnung Döner. Dinge, die den Berliner antreiben.
Am Wochenende habe ich übrigens im Zusammenhang mit Hertha BSC noch ein weiteres Mal schmunzeln müssen. Ich las: Nach Jahren der Finanzkrisen schreibt das Gründungsmitglied der Bundesliga plötzlich schwarze Zahlen – 1,2 Millionen Euro im angelaufenen Geschäftsjahr. Ich frage jetzt nicht: Was ist da bloß schiefgegangen?
NEU! "Die besten deutschen Sport-Reportagen aller Zeiten"
Diese Anthologie von Alex Steudel versammelt fantastische, größtenteils preisgekrönte Reportagen von 27 Top-Autoren aus 100 Jahren Zeitungs- und Zeitschriftengeschichte – erhältlich für 29,99 Euro im Buchhandel. Taschenbuch (21,99 Euro) und eBook (12,99 Euro) gibt's nur bei Amazon: Hier bestellen! Wer fürs gleiche Geld portokostenfrei ein signiertes Exemplar möchte: Mail an post@alexsteudel.de schreiben.