Die Fußball-Verbände sollten mehr Demokratie wagen

Kolumnist Gerd Thomas staunt: Bei Verbandswahlen kandidieren mehrere Personen. Steht beim DFB bald eine Frau mit Zuwanderungsgeschichte an der Spitze?

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Die Fußball-Verbände sollten mehr Demokratie wagen
Beim Berliner Verbandstag 2023 blieben fast die Hälfte der Stühle für die Delegierten leer. Foto: Gerd Thomas

Die Demokratie im Fußball macht Fortschritte. Zumindest bezüglich der Wahlen für die Verbandsgremien. Am letzten Samstag trat in Brandenburg ein junger Herausforderer gegen den etablierten Amtsinhaber an. Im Interview mit Fever Pit‘ch erläuterte Martin Hagemeister seine Ideen für den Fußballverband der Zukunft. Er bemängelte, dass es zwar Sitzungen zur Erneuerung der Organisation gegeben hätte, der amtierende Präsident aber wenig Interesse an den Ergebnissen zeigen würde.

Genützt hat es nichts, er unterlag bei der Wahl. Wobei 47 zu 68 Stimmen ein beachtliches Ergebnis sind, wenn man bedenkt, wie ruppig es bei Wahlen auf Verbandstagen zugeht. Man muss schon einiges an Mut, Energie und Elan aufbringen, um dort bestehen zu können. Ein dickes Fell gegen die Einlassungen einiger Anwesender hilft zudem. Wären die mehr als 20 aus unerfindlichen Gründen nicht anwesenden Delegierten vor Ort gewesen und hätten für ihn gestimmt, wäre das Ergebnis vielleicht anders verlaufen. Dennoch sollte die Kandidatur anderen Menschen in allen Teilen der Republik Mut machen.

Wie mehr Demokratie in Verbände einzieht

Der Friedensnobelpreisträger und ehemalige Bundeskanzler Willy Brandt wollte einst „mehr Demokratie wagen“. Das wollen auch viele Delegierte beim anstehenden Verbandstag des Süddeutschen Fußball-Verbands. Tatsächlich wird es zum langjährigen Spitzenfunktionär und 1. DFB-Vizepräsidenten Amateurfußball, Ronny Zimmermann, einen Gegenkandidaten aus Südbaden geben. Schon länger gibt es deutliche Kritik, nach dem überraschenden Abgang des umtriebigen und streitbaren Rainer Koch würden die Amateure von den Profis um den allmächtigen Multifunktionär und BVB-Chef Aki Watzke an die Wand gedrängt.

In der Tat macht es zunehmend den Eindruck, dass die 36 Bundesligavereine die Hosen anhaben und für die anderen 24.000 Clubs nur Brosamen bleiben. Man kann das Treiben der Profis bemängeln, man kann sich aber auch fragen, warum es von Seiten der Amateure so wenig Gegenwehr gibt. Kritiker monieren, dass Zimmermann zwar nach Paraguay zum FIFA-Kongress fliegt, für die Amateure aber kaum etwas erreicht hat. Schwächelndes Ehrenamt, Infrastruktur und nervtötende Bürokratie machen der Basis täglich zu schaffen. Hinzu sorgen Demografie und digitale Entwicklungen dafür, dass sich die Welt rasant verändert.

Dem DFB fehlen Antworten auf Entwicklungen

Nach den neuesten Mikrozensus-Daten des Statistischen Bundesamtes liegt der Anteil der Menschen unter 20 Jahren mit Einwanderungsgeschichte bei 30 %. Unterscheidet man nach dem etwas weiter gefassten Konzept des Migrationshintergrunds, liegt der Anteil in den jüngeren Altersgruppen mit über 42 % noch deutlich höher. In Ballungsräumen wie dem Ruhrgebiet oder in Städten wie Nürnberg und Berlin) liegt der Anteil an Grundschulen oder in städtischen Klassen oft bei 60 Prozent und mehr.

Antworten darauf liefert der DFB keine, ebenso wenig auf die veränderten Mediengewohnheiten, vor allem durch Social Media und KI. Dass Hetze und Rassismus im Netz allgegenwärtig sind, zeigen nicht nur die widerlichen Posts zu einigen aktuellen Nationalspielern, die allesamt mehr Hirn im Fuß als die pöbelnden Rassisten und Rechtsextremen im Kopf haben. Auch beim Thema Kinderschutz tun sich nicht erst seit der viel beachteten ZDF-Doku Fragen auf. Viele Vereine wirken überfordert, vom DFB und seinen Landesverbänden kommt wenig. Immerhin hat der DOSB als übergreifender Sportverband den Safe-Sport-Kodex aufgesetzt, aber in der Praxis fühlen sich Vorstände an der Basis oft alleingelassen. Zumal die Schulungen auch noch die oft ohnehin klammen Vereinskassen belasten.

Veränderungen sind machbar

Dass „mehr Demokratie wagen“ zum Erfolg führen kann, zeigte DFB-Vizepräsidentin Silke Sinning. Sie trat 2022 gegen den eigentlich sicheren Amtsinhaber Rainer Koch an – und gewann. Bis heute bleibt ihre Wahl eine Überraschung, zumindest deutete vorher nichts darauf hin. Doch sie trat ans Mikrofon und redete nach dem Motto: „Ich habe keine Chance, also nutze ich sie.“ Mit Erfolg. Im letzten Jahr gewann sie erneut, dieses Mal gegen die bayerische Kandidatin Silke Raml.

Ihr Beispiel sollte allen, die es mit den Veränderungen und der Vorbereitung auf die Zukunft ernst nehmen, als Blaupause gelten. Gleichwohl muss sie sich fragen lassen, wo sie die von ihr kolportierten vorangebrachten wichtigen Themen für den Amateurfußball sieht. Diese sollen angeblich im DFB-Präsidium erarbeitet und umgesetzt worden sein. Manchmal kann der DFB seine erfolgreiche Arbeit ja einfach nicht so zeigen. Wahrscheinlich ist das alles nur eine Frage der Kommunikation, wie Zimmermann selbstkritisch anmerkt. Die sei schließlich "die Königsdisziplin", pflegte ein früherer Kollege immer zu sagen und wird überall gern als Ausrede für Konflikte oder unzureichende Ergebnisse angeführt.

Verbandsstrukturen sind nicht nur im Fußball ziemlich aus der Zeit gefallen. Transparenz und Kommunikation sind nicht gerade die Paradedisziplinen. Es lohnt sich dennoch, den Hut in den Ring zu werfen. Wer weiß, vielleicht haben wir eines Tages sogar eine DFB-Präsidentin mit familiärer Zuwanderungsgeschichte. Dann wäre auch der DFB ein Stück weit in der Moderne angekommen.