DFB gegen Hoeneß: Zwei Tonlagen, eine Botschaft

Rettig markiert die Grenze, Völler hält die Tür offen. Ob diese Aufgabenteilung den Lärm um Nagelsmann bis zur WM dämpft, bleibt offen.

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DFB gegen Hoeneß: Zwei Tonlagen, eine Botschaft
IMAGO/kolbert-press

Es ist eine dieser typisch deutschen Debatten, die ein paar Monate vor einem großen Turnier hochkochen: Uli Hoeneß meldet sich zu Wort, der DFB reagiert, und am Ende reden alle übereinander statt miteinander. Diesmal hat der Ehrenpräsident des FC Bayern in einem DAZN-Interview Bundestrainer Julian Nagelsmann die ständigen Personalwechsel vorgeworfen. Wenn es Deutschland gelinge, eine Mannschaft zu werden, obwohl der Trainer es nicht geschafft habe, zweimal hintereinander mit derselben Elf zu spielen, dann habe man eine Chance bei der WM in den USA, Mexiko und Kanada. Das ist kein Schulterklopfen, das ist eine handfeste Ohrfeige, verpackt in einen Konditionalsatz.

Der DFB hat darauf in zwei Tonlagen geantwortet, und das ist der eigentlich interessante Vorgang. Geschäftsführer Andreas Rettig nannte Hoeneß' Angriffe unter der Woche schlicht "einfach unnötig". Sportdirektor Rudi Völler wählt nun in den Zeitungen der Funke-Mediengruppe einen anderen Weg: Er zeigt Verständnis, ohne dem Inhalt zuzustimmen. "Als Bundestrainer muss man wissen, dass die ganze Nation bestimmte Entscheidungen hinterfragt. Da muss man Kritik aushalten können – auch die von Uli Hoeneß", sagt Völler. Zwei Stimmen, zwei Strategien – und genau das macht die Sache aufschlussreich.

Völler erkennt Hoeneß ein Recht zu, das Rettig ihm tendenziell abspricht. Der Ehrenpräsident habe "mit seiner Vita das Recht dazu, sich kritisch zu äußern", auch beim eigenen Verein spreche er ja "nicht alle heilig". Diese Passage ist das diplomatische Kernstück. Völler weiß, dass Hoeneß keine externe Stimme ist, die man wegmoderieren kann, sondern eine Instanz, deren Wort in München, Frankfurt und überall dazwischen Gewicht hat. Hinzu kommt der biografische Punkt: Hoeneß habe Nagelsmann "seinerzeit erst unbedingt in München halten und dann später zurückholen wollte". Die Kritik kommt also nicht von einem Gegner, sondern von einem alten Befürworter.

Inhaltlich aber bleibt Völler hart. "Dinge, die faktisch falsch sind, muss man aber auch widerlegen", sagt er und führt aus, was sich in der medialen Aufregung um Aufstellungen und Kontinuität gerne verliert: "Es waren bei jedem Spiel seit Start der WM-Qualifikation mindestens fünf, meist sogar mehr potenzielle Stammspieler verletzt." Das ist kein rhetorischer Kniff, sondern ein nüchternes Argument. Wer keine elf gesunden Stammkräfte zur Verfügung hat, kann keine elf gesunden Stammkräfte aufstellen. Hoeneß' Vorwurf der Beliebigkeit verliert damit zumindest seinen vermeintlich offensichtlichen Charakter.

Hinter dem Schlagabtausch wird ein altes Spannungsfeld sichtbar. Der mächtigste deutsche Klub und der Verband ringen permanent um Deutungshoheit, und ein Bundestrainer, der vorher in München war, steht in dieser Konstellation immer im Zwischenraum. Hoeneß spricht aus der Position des Klub-Patrons, der seine Spieler abstellt und das Ergebnis in Sommerturnieren mitverantwortet sieht. Rettig und Völler sprechen aus der Position derer, die mit Nagelsmann zur WM fahren müssen – und zwar mit Rückenwind, nicht mit Gegenwind aus der eigenen Liga.

Bemerkenswert ist, dass der DFB in dieser Frage zwei Sprachen spricht. Rettigs Schärfe und Völlers Verständnis sind kein Widerspruch, sondern eine Aufgabenteilung. Der Geschäftsführer markiert die Grenze, der Sportdirektor hält die Tür offen. Ob das reicht, um die Debatte bis zur Nominierung im Sommer zu beruhigen, ist eine andere Frage. Sicher ist nur: Wer glaubt, der Lärm um Nagelsmann sei nun beendet, hat die deutschen Fußball-Sommer der letzten Jahre nicht aufmerksam verfolgt.