Der Weltfußball liefert falsche Vorbilder für den Nachwuchs
Wenn Regeln für die Mächtigen nicht gelten, wird es für Trainer und Ehrenamtliche schwieriger, Fairness glaubwürdig zu vermitteln.
Der Nachbar eines Freundes hat eigentlich keine Ahnung vom Fußball. Aber er konfrontierte ihn sinngemäß mit dem Satz: „Beim eurem Fußball ist doch alles korrupt und geht nicht mit rechten Dingen zu. Sieht man ja an der erfolgreichen Einmischung von Trump.“
Der Präsident des mächtigsten Staates der Welt weiß wahrscheinlich nicht einmal, dass man in den Ball nicht reinbeißen darf. Doch offenbar dämmerte ihm während eines seiner öffentlichen Nickerchen, dass dieser ihm bis vor Kurzem unbekannte Sport immerhin für einen albernen Friedenspreis gut ist. Dieser wurde ihm vom Mephisto des Weltfußballs mit devoter Geste und grenzdebilem Lächeln überreicht. Die dazugehörige Medaille hängte sich der Oberexperte im Weißen Haus gleich selbst um den Hals, wie ein sich selbst krönender Imperator.
Wer glaubte, nach diesem Schmierenstück könne nicht mehr viel kommen, sieht sich gerade eines Schlechteren belehrt. Ein Anruf bei seinem Freund und FIFA-Chef „Jonny“ InfantiNO reichte dem Präsidenten, um die Sperre des zu Recht gesperrten Rot-Sünders Balogun in eine Bewährung umzuwandeln. Zwar ist so etwas in den Regularien nicht vorgesehen, aber was tut man nicht alles, um seinen Buddy "Don" zufriedenzustellen. Man wird ihn künftig vermutlich noch brauchen.
Falsche Vorbilder für unsere Kinder und Jugendlichen
Was macht diese Art der Rechtsbeugung mit unseren Kindern und Jugendlichen auf den Sportplätzen dieser Welt? Es wäre naiv, zu glauben, sie würden das Gossentheater nicht mitkriegen oder nicht einordnen können. Als 1978 die faschistische Junta gemeinsam mit dem in Fürth geborenen US-Außenminister Kissinger dafür sorgte, dass Argentinien Weltmeister wurde, haben wir das erst später erfahren. Zwar sorgte das 0:6 von Peru gegen den Ausrichter für Verwunderung, aber wir waren auf die Journalisten bei Tageszeitungen und Radiosendern angewiesen. ARD und ZDF waren damals weit entfernt von Sondersendungen zur Fußball-WM, Privat-TV und -Radio gab es genauso wenig wie öffentliches Internet. Längst haben Beteiligte die Einflussnahme eingeräumt, Argentinien wurde der Titel jedoch nie aberkannt.
Heute tauschen die Kinder und Jugendlichen nicht nur die inzwischen 980 WM-Sammelbilder. Sie sind auch über das Handy auf allen möglichen digitalen Kanälen unterwegs. Der Vereinsfußball verschafft ihnen mehrmals in der Woche eine Pause vom Gerät, während des Trainings gibt es nur selten Entzugserscheinungen. Doch zurück in der Kabine, werden die Smartphones sofort wieder hervorgeholt. Und natürlich bekommen sie mit, welche Blüten der Weltfußball inzwischen treibt.
Ich stelle mir vor, ein 12-Jähriger kommt zu mir und bittet mich, doch einfach mal beim Verband anzurufen und ein Ergebnis korrigieren zu lassen. Ein 16-Jähriger möchte seine rote Karte in eine Bewährungsstrafe umgewandelt haben, schließlich sei sein Foul völlig ohne Absicht gewesen. Mir bliebe nichts anderes übrig, als ihm zu erklären, dass ich nicht Donald Trump sei (womit ich gut leben kann) und für unseren Verein andere Regeln gelten.
Der Amateurfußball braucht gelebte Werte
Im Amateurfußball geht es um Werte, Gemeinschaft, verbindliche Regeln und solidarisches Verhalten. Letzteres ist in einer Gesellschaft mit einer wachsenden Zahl von Ich-AGs deutlich schwerer zu vermitteln als früher. Der Fußball auf der großen Bühne macht es uns an der Basis noch schwerer.
Dazu trägt auch die Diskussion um den Bundestrainer bei. Während der eine offensichtlich an seine Grenzen gekommene mit rund 7 Millionen Euro abgefunden wird, droht beim neuen Coach eine noch höhere Summe. Bezahlen muss der DFB, eine Organisation, deren Mitglieder vor allem Landesverbände sind. Diese wiederum gehören den Amateurvereinen, auch wenn die wenigsten von denen dieses Verständnis haben. Am Ende zahlen also die Mitglieder der Vereine die Zeche, leider wird das kaum irgendwo so dargelegt.
Früher war es eine Auszeichnung, für sein Land spielen zu dürfen. Heute entsteht oft der Eindruck, dass es vor allem der eigenen Marktwertsteigerung dient. Im Jahr 1974 erhielten die Weltmeister 70.000,– DM plus einen VW-Käfer. Zwar fuhr Günter Netzer schon damals Ferrari, warb Franz Beckenbauer bereits 1966 für Knorr-Suppen und pfiff Uwe Seeler mit der Pitralon-Flasche in der Hand ein fröhliches Lied. Doch mit der heutigen Turbo-Kommerzialisierung ist das nicht im Ansatz vergleichbar.
DFB entgeht Geld für die Förderung der Basis
Heute geht es in erster Linie ums Geld, und auch das macht Eindruck auf die Kinder und Jugendlichen auf den Amateurplätzen. Sie unterhalten sich darüber, wie viele Sportwagen in der Garage von Cristiano Ronaldo stehen, wie viele Häuser Messi besitzt, für welchen Superstar die berüchtigten Berater den dicksten Vertrag aushandeln. Werte wie Vereinstreue oder Nähe zu den Fans stehen hintenan.
Dem DFB gehen durch das beschämende Abschneiden der Nationalmannschaft viele Millionen durch die Lappen. Denn für das Erreichen der K.o.-Phase und eine Platzierung unter den besten 32 Nationen gibt es kaum mehr als für das Spielen der Gruppenphase. Dieses Geld fehlt dem Verband auch für den Aufbau von Strukturen für eine bessere Nachwuchsarbeit. Diese ist dringend nötig, wie schmerzlich zu beobachten war. Vielleicht hätte ein Anruf beim FIFA-Boss geholfen und er hätte dafür gesorgt, dass das Foul von Waldemar Anton gegen Paraguay nur auf Bewährung geahndet wird und das Tor von Jonathan Tah zählt.
Besser ist, wir zeigen uns wenigstens als gute Verlierer, wenn es schon zu gutem Fußball nicht reicht. Denn auch das ist Teil der Vermittlung an die Jugend in den Vereinen: Verlieren gehört beim Fußball genau wie rote Karten dazu. Niederlagen und Urteile nimmt man mit Anstand hin.