Der Iran macht aus seiner WM-Mannschaft eine Kriegsdelegation
Auf dem Enghelab-Platz wurde das Team zur Säule des Widerstands erklärt. Die FIFA muss klären, was ihre Neutralität noch wert ist.
Was sich am Mittwoch auf dem Enghelab-Platz in Teheran abgespielt hat, war keine Mannschaftsverabschiedung, wie man sie aus anderen Ländern vor einer Weltmeisterschaft kennt. Die iranischen Nationalspieler standen in rot-schwarzen Trainingsanzügen auf einer Bühne, wurden von einer Menschenmenge bejubelt, und neben Trainer Amir Ghalenoei sprach Verbandspräsident Mehdi Taj Sätze, die mit Sport nichts mehr zu tun hatten. Seine Mannschaft, sagte Taj, sei „die Fußball-Nationalmannschaft in Kriegszeiten". Sie werde eine „Säule der Autorität und des Widerstands" sein. Bei der WM werde sie „das Volk, die Kämpfer des Landes, den Führer und das Land vertreten".
Das ist eine Sprache, die jede sportliche Lesart abwirft. Wer seine Spieler als Vertreter der „Kämpfer des Landes" auf den Weg schickt, definiert die Rolle der Mannschaft um. Aus einer Auswahl, die in Los Angeles am 15. Juni gegen Neuseeland in das Turnier starten soll und in der Gruppe auch auf Belgien und Ägypten trifft, wird ein Funktionsträger im politischen Selbstverständnis eines Staates im Krieg. Die Spieler haben dieser Zuschreibung auf der Bühne nicht widersprochen — sie hätten es vermutlich auch nicht gekonnt.
Verstärkt wurde das Bild durch die Inszenierung im Publikum. Vor der Bühne wurden Fahnen geschwenkt, Sprechchöre und Parolen skandiert. Einige Zuschauer hielten Plakate und Bilder des verstorbenen Obersten Führers Ali Khamenei hoch, der laut Berichterstattung bei den US-amerikanisch-israelischen Angriffen auf den Iran getötet wurde, die den Krieg im Nahen Osten auslösten. Auf einem Plakat stand: „Für das Blut der Märtyrer, singt die Nationalhymne mit Entschlossenheit und ohne zu zögern." Das ist keine Folklore vor einem WM-Sommer. Das ist ein Programm, das auf der Bühne der WM weitergespielt werden soll.
Damit liegt ein Konflikt auf dem Tisch, den die FIFA traditionell zu umgehen versucht. Der Weltverband besteht auf politischer Neutralität in Stadien, in der Kommunikation, auf Trikots und Kapitänsbinden. Wenn ein Verbandspräsident sein Team aber öffentlich als Fortsetzung eines Kriegsnarrativs definiert, ist diese Neutralität nicht mehr nur eine Stadionregel. Sie wird zur Frage, was die FIFA an Rhetorik vor einem Turnier zulässt, ohne zu reagieren — und was nicht.
Es kommt hinzu, dass weiter offen ist, ob der Iran angesichts des andauernden Krieges überhaupt bei der WM antritt. Zuletzt wurde die Teilnahme am Turnier an Bedingungen geknüpft. Genau diese Unsicherheit macht die Zeremonie in Teheran aus Sicht der FIFA noch heikler: Ein Verband, der seine WM-Reise mit einer Kriegsrede beginnt und deren Stattfinden offenhält, zwingt den Weltverband, sich frühzeitig zu positionieren — oder eben sehenden Auges nicht zu positionieren.
Sportlich bleibt der Iran ein Gruppengegner Belgiens, Ägyptens und Neuseelands, mit einem Auftakt in Los Angeles. Politisch hat der Verband am Mittwoch klargemacht, mit welchem Anspruch er dort auflaufen will. Beides lässt sich nicht mehr getrennt voneinander betrachten, und es wird auch nicht an den Rand des Turniers passen. Die FIFA hat noch ein paar Wochen, um zu entscheiden, ob sie das ignoriert — oder ob ihr Begriff der Neutralität in einem solchen Fall überhaupt noch trägt.