Der HSV ersetzt Kompetenz durch Nostalgie – und gefährdet seinen Frauenbereich

Ein Ex-Profi ohne Erfahrung im Frauenfußball soll den Abstieg verhindern. Der HSV zeigt, wie wenig er seine Frauen als eigenständige Struktur begreift.

Der HSV ersetzt Kompetenz durch Nostalgie – und gefährdet seinen Frauenbereich
IMAGO/Nordphoto

Rodolfo Cardoso, 57 Jahre alt, 137 Pflichtspiele für den Hamburger SV zwischen 1996 und 2004, Zauberfuß, Publikumsliebling – und seit Montag Cheftrainer einer Frauen-Bundesligamannschaft, die er noch nie von innen gesehen hat. Nicht als Scout, nicht als Analyst, nicht als Co-Trainer. Sein erster Job im Frauenfußball beginnt vier Spieltage vor Saisonende, bei drei Punkten Vorsprung auf den Abstiegsplatz. Willkommen in der Realität des HSV.

Man muss die Entscheidung in den Worten lesen, mit denen der Klub sie selbst begründet. HSV-Vorstand Eric Huwer spricht von „neuem Impuls, frischer Energie und der nötigen Lockerheit im Schlussspurt". Kein Wort über taktische Ideen, über Kenntnis der Frauen-Bundesliga, über ein sportliches Konzept. Das ist die Sprache eines Vereins, der auf Aura setzt, wo Analyse gefragt wäre. Cardoso selbst sagt, er sei „überzeugt, dass wir schnell etwas bewegen" werden. Schnell – das ist das operative Wort. Es klingt nach Hoffnung, nicht nach Plan.

Dabei war Liese Brancao keine Trainerin ohne Profil. Sechs Jahre beim österreichischen Serienmeister SKN St. Pölten, sieben Meistertitel, sechs Cuptitel, drei Champions-League-Teilnahmen, im November 2025 die UEFA Pro-Lizenz. Ihr Punkteschnitt beim HSV – 0,88 in 24 Pflichtspielen – war mager, keine Frage. Aber der HSV ersetzte eine international erfahrene Trainerin durch einen Individualtrainer der U19, dessen Cheftrainer-Erfahrung aus zwei Interimseinsätzen bei den Männern und Regionalliga-Nord-Zeiten besteht. Das ist kein Upgrade. Das ist ein Reflex.

Und es ist ein Reflex, der etwas über die Struktur verrät. Seit der Trennung von Sportvorstand Stefan Kuntz im Januar 2026 ist der Posten unbesetzt. Ein Finanzvorstand entscheidet über die Trainerbesetzung im Frauenfußball – in einer Abstiegssituation, in der jeder Fehler den sofortigen Wiederabstieg nach nur einer Saison in der Bundesliga bedeuten kann. Die HSV-Frauen waren 13 Jahre lang nicht erstklassig. Sie kamen erst 2025 zurück, begünstigt durch die Ligaaufstockung von 12 auf 14 Teams. Jetzt, wo es darauf ankommt, greift der Verein nicht in den Markt, sondern ins eigene Vereinsmuseum.

Der Kontrast macht es deutlich: Union Berlin hat mit Marie-Louise Eta gerade vorgemacht, dass Kompetenz aus dem Frauenfußball im Männerbereich Verantwortung übernehmen kann. Der HSV geht den exakt umgekehrten Weg – und niemand im Verein scheint den Widerspruch zu bemerken. Ein Männer-Nostalgiker soll die Frauen retten, weil er den Verein kennt und die Kabine spürt. Aber kennt er die Gegnerinnen? Kennt er die Liga? Kennt er die Spielerinnen, die am Donnerstag in Nürnberg antreten müssen, danach Union Berlin empfangen, dann nach Köln fahren und zum Abschluss den FC Bayern bekommen?

Das Restprogramm ist brutal. Die Bilanz – 3 Siege, 6 Remis, 12 Niederlagen, 23:50 Tore – ist es auch. Die letzte Partie unter Brancao endete 1:3 gegen Leverkusen, davor gab es ein 1:4 in Frankfurt. Wer glaubt, dass ein Namenswechsel auf der Trainerbank diese Dynamik dreht, verwechselt Nostalgie mit Strategie.

Cardoso mag ein wunderbarer Mensch sein und ein verdienter HSV-Mann. Das steht hier nicht zur Debatte. Zur Debatte steht, ob ein Verein seinen Frauenbereich als eigenständige Struktur mit eigener Fachlichkeit begreift – oder als Nebenschauplatz, auf dem man im Notfall den nächsten verfügbaren Vereinsmenschen einsetzt. Der HSV hat am Montag geantwortet: mit einem Zauberfuß aus einer anderen Zeit, für eine Aufgabe, die Gegenwart verlangt.