Berti Vogts trifft mit seiner Kritik nicht den DFB, sondern die Fifa

Der Weltmeister von 1974 verbindet Sorge um die Mannschaft mit Sorge um den Wettbewerb. Nur eines davon lässt sich durch Planung mildern.

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Berti Vogts trifft mit seiner Kritik nicht den DFB, sondern die Fifa
IMAGO/Panama Pictures

Berti Vogts hat in der Rheinischen Post zwei Themen verknüpft, die nicht zwingend zusammengehören, aber bei ihm trotzdem aus einer Haltung kommen. Auf der einen Seite die nüchterne Beobachtung, dass eine WM in den USA, Mexiko und Kanada Bedingungen mitbringt, die man auf europäischen Trainingsplätzen nicht simulieren kann. Auf der anderen Seite die grundsätzliche Frage, was die FIFA mit ihrem aufgeblähten Turnier eigentlich noch will. Beides hat seine Berechtigung. Beides verdient eine eigene Antwort.

Zur Vorbereitung sagt Vogts: „Die Entfernungen, die Klimabedingungen, die Zeitverschiebungen sind Aspekte, die einen Turnierverlauf beeinflussen können. Es ist extrem schwer, sich auf diese Szenarien vorzubereiten." Sein Vorschlag, eine Länderspieltour in die Gastgeberländer hätte helfen können, klingt einleuchtend. Nur: Wann hätte sie stattfinden sollen? Im vergangenen Sommer stand das Final-Four-Turnier der Nations League an, ab September lief die WM-Qualifikation. Der Kalender ist eng, und Vogts selbst nennt keinen Termin, an dem sich die Reise sinnvoll hätte einschieben lassen.

Diese Lücke in der Argumentation entwertet die Kritik nicht, sie verschiebt sie aber. Der eigentliche Adressat ist nicht der DFB, der seine Termine abarbeitet, sondern ein internationaler Spielplan, der den Verbänden immer weniger Luft für eigene Akzente lässt. Vogts liefert die Diagnose, ohne die Therapie aufzuschreiben. Das ist ehrlicher als manche Studio-Polemik, hilft Julian Nagelsmann aber nicht weiter. Der Bundestrainer wird mit den Bedingungen arbeiten müssen, die er vorfindet, nicht mit denen, die in einem idealen Verbandskalender denkbar wären.

Bemerkenswert ist, dass Vogts seine Vorbehalte mit einer auffälligen Zuversicht abschließt: „Ich glaube, keine Nation ist besser auf die WM vorbereitet." Das ist mehr als eine Höflichkeitsfloskel des Europameister-Coachs von 1996. Es ist die Erinnerung daran, dass Turniere am Ende nicht über Klimakammern entschieden werden, sondern über das, was Vogts als Weltmeister von 1974 für den maßgeblichen Erfolgsfaktor hält: das Mannschaftsgefüge. „Fußball spielen kann jeder, der in einer deutschen Nationalmannschaft ist. Aber es muss eine echte Mannschaft sein, einer alleine ist nie Weltmeister geworden." Den Rest, sagt Vogts, müsse Nagelsmann verantworten: Ruhe in der Mannschaft, Harmonie sportlich und in der Gruppe.

Der zweite Teil seines Interviews zielt höher. Vogts reiht sich in die Kritiker des XXL-Formats mit 48 Mannschaften ein und nimmt vor allem DFB-Präsident Bernd Neuendorf in die Pflicht: „Ich würde vom Präsidenten des DFB erwarten, dass er sich bei der FIFA für den Fußball einsetzt." Sein Vorwurf an die FIFA ist eindeutig: „Da geht es doch nur um das Finanzielle." Und die bereits angestoßenen Debatten über eine nochmalige Ausweitung kommentiert er mit ungewohnter Schärfe: „Das ist schlimm. Die Leute, die das tun, lieben den Fußball nicht."

Man muss diese Sätze nicht in jedem Wort teilen, um den Punkt zu sehen. Vogts verbindet die Sorge um eine konkrete Mannschaft mit der Sorge um den Wettbewerb, in dem sie antritt. Das eine lässt sich durch gute Planung mildern, das andere nicht. Dass ein Mann, der den Fußball seit Jahrzehnten von innen kennt, am Ende warnt, er werde irgendwann nicht mehr ernst genommen, ist die unangenehmste Nachricht dieses Interviews. Sie richtet sich nicht an Nagelsmann. Sie richtet sich an Zürich.