Belgien bestraft Trump-Anruf: Die FIFA hat jetzt ein Optik-Problem
Belgiens Tanz nach dem 4:1 gegen die USA zielt nicht auf Washington, sondern auf Zürich. Wie unabhängig ist ein Verband, dessen Chef abhebt?
Es gibt Momente in einem Turnier, in denen der Fußball selbst zur Nebensache wird. Der belgische Trump-Tanz nach dem 4:1 im WM-Achtelfinale gegen die USA war so ein Moment. Romelu Lukaku trifft in der Nachspielzeit, seine Mitspieler stellen sich in Reihe auf, und was folgt, ist keine Torjubel-Choreografie, sondern ein politisches Statement. Angeführt vom Torschützen führte die Mannschaft den Tanz auf, den man aus den Auftritten des US-Präsidenten kennt.
Die Roten Teufel machten anschließend keinen Hehl daraus, wen sie meinten. Auf Instagram postete der Verband das Bild von Lukakus Jubel mit dem Untertitel „Hebt das hier auf". Unter einem weiteren Beitrag hieß es: „Es heißt Fußball und nicht Soccer." Das ist Spott, aber es ist ein Spott mit Adresse. Und die Adresse lautet nicht Washington, sondern Zürich.
Der Vorgang, um den es geht, ist bekannt. Folarin Balogun hatte im Sechzehntelfinale gegen Bosnien und Herzegowina beim 2:0-Sieg die Rote Karte gesehen. Nach den üblichen Abläufen wäre die Sperre im nächsten Spiel zu verbüßen gewesen. Sie wurde jedoch nicht direkt vollstreckt, sondern zur Bewährung ausgesetzt. Vorausgegangen war ein Anruf von Donald Trump bei Gianni Infantino. Trump selbst sagt, er habe lediglich „um eine Überprüfung" gebeten. Die FIFA wies vehement zurück, dass der US-Präsident Einfluss genommen habe, und verwies auf Regularien, die ein solches Vorgehen ermöglichen würden.
Man kann diesen Satz zweimal lesen und wird beim zweiten Mal nicht klüger. Denn genau darin liegt das Problem: Selbst wenn alles regelkonform abgelaufen ist, bleibt die Optik verheerend. Ein Staatschef ruft an, eine Sperre wird umgewandelt, der betroffene Spieler ist Bürger jenes Staates, dessen Präsident angerufen hat. Man muss nicht Verschwörungstheoretiker sein, um zu sehen, warum die Belgier vor dem Anpfiff bereits Protest gegen die Spielwertung angekündigt hatten, falls Balogun auflaufen sollte. Der 4:1-Sieg hat den formalen Protest erübrigt. Den politischen hat er inszeniert.
Für die FIFA ist das eine schwierige Lage, und sie ist zu einem erheblichen Teil selbst verursacht. Ein Weltverband, der Unabhängigkeit reklamiert, muss sich fragen lassen, warum ein Telefonat mit dem Gastgeber-Präsidenten in zeitlicher Nähe zu einer sportjuristischen Entscheidung überhaupt stattfindet. Die Antwort, dass die Regularien eine Aussetzung erlauben, beantwortet nicht die eigentliche Frage. Sie lautet: Wäre die Sperre auch dann zur Bewährung ausgesetzt worden, wenn nicht Trump, sondern niemand angerufen hätte? Solange diese Frage nicht überzeugend beantwortet ist, wird jede weitere Entscheidung in diesem Turnier unter dem Verdacht stehen, verhandelbar zu sein.
Der belgische Tanz ist deshalb mehr als eine Provokation gegen den Gegner. Er ist die Reaktion eines Teilnehmers, dem der eigene Rechtsrahmen abhandengekommen ist. Wenn eine Sperre nach einer Roten Karte offenbar davon abhängen kann, wer für den betroffenen Spieler interveniert, dann verlieren sportliche Regeln ihren Wert. Der Fußball reagiert darauf, wie er in solchen Situationen immer reagiert: mit Häme. Das ist verständlich. Es ist aber auch zu wenig. Die Debatte, die nach diesem Achtelfinale zu führen wäre, betrifft nicht Balogun und nicht Belgien. Sie betrifft die Frage, wie unabhängig eine FIFA sein kann, deren Präsident den Hörer abnimmt, wenn der Gastgeber ruft.