Angst vor ICE: WM-Standort Los Angeles droht Mega-Streik
Arbeiter fürchten ICE-Razzien bei der WM 2026. Die FIFA hat keine Schutzgarantien ausgehandelt – und steht nun juristisch unter Druck.
Rund 2000 Menschen sorgen dafür, dass in der WM-Arena von Los Angeles Bier fließt, Tribünen sauber sind und VIP-Gäste ihr Hospitality-Erlebnis bekommen. Und genau diese 2000 Menschen sagen gerade: Wir kommen vielleicht nicht zur Arbeit. Nicht aus Trotz, nicht wegen Geld – sondern aus Angst, auf dem Weg zur Schicht verhaftet zu werden. Das ist der Zustand, in dem sich die Fußball-WM 2026 befindet: Ein Turnier, das der FIFA Rekordeinnahmen von elf Milliarden Dollar bringen soll, droht an der Panik seiner eigenen Arbeiter zu scheitern.
Die Gewerkschaft Unite Here Local 11, die über 32.000 Beschäftigte in Südkalifornien vertritt, hat eine formelle Beschwerde gegen die FIFA beim National Labor Relations Board eingereicht. Der Vorwurf: Die Arbeitgeber hätten ein Umfeld geschaffen, in dem "Gewalt und Einschüchterung durch ICE-Mitarbeiter" befürchtet werden müssten. Co-Präsident Kurt Petersen formuliert es drastisch: "Die Leute sind nervös. Unsere Mitglieder sagen: 'Wir gehen nicht zur Arbeit, wenn ICE in der Nähe ist, weil sie uns jederzeit festnehmen könnten.'" Die Beschwerde richtet sich neben der FIFA als WM-Veranstalter auch gegen den Stadionbetreiber, den Eigentümer und einen Hospitality-Anbieter – die gesamte Kette also.
ICE-Direktor Todd Lyons hatte bereits im Februar erklärt, seine Behörde werde während des Turniers eine "Schlüsselrolle für die Sicherheit" spielen. Die FIFA hat dem nichts entgegengesetzt. Stattdessen wurde laut The Athletic intern lediglich erwogen, ob Gianni Infantino seinen persönlichen Draht zu Donald Trump nutzen könnte, um ein Aussetzen der ICE-Einsätze im WM-Umfeld zu erbitten. Man lese das zweimal: Der mächtigste Sportfunktionär der Welt erwägt, den US-Präsidenten privat um einen Gefallen zu bitten – statt vor der Vergabe vertragliche Garantien für den Schutz der Arbeitskräfte durchzusetzen. Das ist keine Verhandlung auf Augenhöhe. Das ist Unterwerfung als Geschäftsmodell.
78 der 104 WM-Spiele finden in den USA statt, drei Viertel des gesamten Turniers. Wer ein solches Volumen in ein Land vergibt, übernimmt Verantwortung für die Bedingungen vor Ort – politische Bedingungen eingeschlossen. Die FIFA wusste, mit welcher Regierung sie es zu tun bekommt. Sie wusste, dass Massenabschiebungen zum Kern des politischen Programms gehören. Und sie hat trotzdem keine Schutzvereinbarungen getroffen, die den Beschäftigten an den Spielorten ein Minimum an Sicherheit garantieren. Jetzt steht sie juristisch in der Verantwortung, ohne ein einziges belastbares Instrument in der Hand.
Natürlich lässt sich einwenden, dass die FIFA keine Einwanderungspolitik machen kann und dass die Sicherheit souveräner Staaten nicht zur Disposition eines Sportverbands steht. Richtig. Aber genau das hätte der Anlass sein müssen, die Vergabe an klare Bedingungen zu knüpfen – so wie es bei Katar zumindest dem Anspruch nach versucht wurde. Bei der US-WM hat die FIFA diesen Anspruch stillschweigend aufgegeben. Die Nähe zwischen Infantino und Trump war offenbar wichtiger als Verträge, die im Ernstfall schützen.
Am 12. Juni soll die US-Mannschaft in genau diesem Stadion gegen Paraguay ihr Auftaktspiel bestreiten. Acht WM-Partien sind in Inglewood geplant, bis hin zum Viertelfinale. Petersen hat bereits mit einem Streik Tausender Arbeiter gedroht. Wenn eine Gewerkschaft vor einem Bundesgericht eine einstweilige Verfügung gegen den Veranstalter einer Fußball-WM erwirken muss, damit Menschen ohne Angst arbeiten können – dann ist das kein Randproblem. Dann ist das ein Systemversagen, eingebaut in den Moment der Vergabe.