Algeriens Beschwerde gegen Messi: Wofür ist der VAR eigentlich da?

Eine Sohle an der Wade, drei strittige Szenen, kein Eingriff aus dem Videoraum. Die FIFA muss erklären, nach welchen Maßstäben sie noch urteilt.

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Algeriens Beschwerde gegen Messi: Wofür ist der VAR eigentlich da?
IMAGO/PHOTOxPHOTO

Eine Beschwerde beim Weltverband ist selten ein juristischer Vorgang allein, sondern immer auch eine politische Botschaft. Algeriens Fußballverband hat sich am Freitag für diesen Schritt entschieden, nachdem das Team beim 3:0 des Titelverteidigers Argentinien zum WM-Auftakt unterlegen war. Ausgangspunkt der Eingabe ist eine Szene aus der 31. Minute: Lionel Messi traf Algeriens Kapitän Aissa Mandi mit offener Sohle an der Wade und durfte weiterspielen. Zum Zeitpunkt des Fouls hatte Messi seine Mannschaft längst mit dem 1:0 in Führung gebracht. Am Ende stand er bei drei Toren – und mit nun 16 WM-Treffern gleichauf mit Miroslav Klose.

Wer die Eingabe zur Lappalie erklären will, sollte den Wortlaut der Verbandsquelle ernst nehmen, die die Nachrichtenagentur AFP zitierte. Es gehe nicht nur um das Tackling, sondern um insgesamt drei Szenen, darunter zwei Ellbogenstöße, die nach Lesart des Verbandes „einen Platzverweis rechtfertigt" hätten. „Wir sagen nicht, dass die argentinische Mannschaft nicht stark war, aber wir können angesichts von Ungerechtigkeiten nicht schweigen", heißt es in der Erklärung. Und der zentrale Vorwurf lautet: „Es gab drei Vorfälle, die glasklar waren, und der VAR hat nicht eingegriffen." Das ist der Punkt, an dem aus einer einzelnen Bewertung eine Systemfrage wird.

Denn der Videobeweis ist genau für diese Konstellation eingeführt worden. Eine Sohle auf Wadenhöhe, in voller Sicht, mit klarer Bildlage – das ist das Lehrbuchbeispiel, das Schiedsrichter-Ausbilder seit Jahren auf Workshops zeigen. Dass die Bilder hier offenbar keinen Anlass zur Überprüfung gaben, befeuert die Debatte über die Schwelle, ab der eingegriffen wird. Ist sie bei Spielern wie Messi höher? Algeriens Verband stellt diese Frage nicht ausdrücklich, aber sie schwingt in jedem Satz der Eingabe mit.

Stütze bekommt die Position aus einer Richtung, die schwer als parteiisch zu verbuchen ist. Bundesliga-Schiedsrichter Patrick Ittrich sagte nach dem Spiel bei MagentaTV: „Wir haben diverse Beispiele aus der Bundesliga, wo das mit Rot bestraft wurde. Er wollte das nicht, ohne Frage, aber das ist kein Grund, keine Rote Karte zu geben." Für ihn sei es „eine Rote Karte". Wenn ein aktiver Unparteiischer einer großen europäischen Liga zu diesem klaren Urteil kommt, lässt sich die algerische Beschwerde nicht als Trotzreaktion eines Verlierers abtun. Sie hat eine fachliche Grundlage, die sich öffentlich überprüfen lässt.

Trotzdem bleibt der Vorgang heikel. Eine Beschwerde gegen Schiedsrichterleistungen ändert das Ergebnis nicht. Sie kann aber die Sensibilität für die nächsten Spiele erhöhen, und sie zwingt die FIFA zu einer Antwort, ob es nun eine ausführliche oder eine ausweichende ist. Für Algerien geht der sportliche Alltag schneller weiter als die politische Aufarbeitung: In der Nacht zu Dienstag um 5.00 Uhr MESZ wartet im Kampf um die K.-o.-Runde Jordanien. Argentinien spielt schon am Montagabend um 19.00 Uhr MESZ gegen Österreich – und wird dabei wieder von einem Schiedsrichtergespann gepfiffen, das sich die Szenen aus dem Auftaktspiel mit Sicherheit angesehen hat.

Was bleibt, ist ein Streit um Maßstäbe. Wenn der VAR bei einer Sohle in die Wade nicht eingreift, muss man neu erklären, wofür er da ist. Das ist die eigentliche Frage, die Algerien an die FIFA gerichtet hat – und die Antwort steht aus.