Yakins Regel-Zorn: Berechtigt und bequem zugleich für die Schweiz

Eine kaum eingeübte Regel, ein vermeidbarer Schiedsrichterfehler, eine Schwalbe: Wer Technik so tief ins Spiel lässt, muss ihre Regeln vorher beherrschbar machen.

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Yakins Regel-Zorn: Berechtigt und bequem zugleich für die Schweiz
IMAGO/DeFodi Images

Murat Yakin hat sein Team im Viertelfinale verloren, und er sucht die Schuld nicht bei sich, nicht bei Breel Embolo, sondern bei einer Regel. Das ist der bequemere Weg, und er ist trotzdem nicht ganz falsch. Denn was in der 72. Minute in diesem Spiel passierte, war ein Vorgang, den niemand auf dem Platz herbeiführen wollte und den die Technik trotzdem erzwang. Beim Stand von 1:1 verließ Embolo mit Gelb-Rot das Feld, weil der Videoassistent eine Schwalbe erkannte, die dem Schiedsrichter zunächst entgangen war. Aus einem Ausgleich wurde eine Unterzahl, aus dem Momentum ein Bruch.

Man muss die Kette nachzeichnen, um zu verstehen, warum Yakin sich ereifert. Joao Pinheiro sah in der Szene ein Foul von Leandro Paredes und zeigte dem Argentinier Gelb. Erst der Hinweis aus dem Videoraum drehte alles um: Embolo war nicht berührt worden, er hatte abgehoben, um ein Foul zu schinden. Der Schiedsrichter nahm die Karte gegen Paredes zurück und stellte den bereits verwarnten Embolo vom Platz. Das ist regelkonform, seit zu WM-Beginn klargestellt wurde, dass die neue Bestimmung zur Spielerverwechslung auch für gegnerische Spieler gilt.

Hier liegt der Kern, und hier hat Yakin einen Punkt, den man nicht mit dem Verweis auf sein sportliches Interesse abtun sollte. Die Regel entfaltete ihre volle Härte nur, weil dem Schiedsrichter zuvor ein Fehler unterlief. Hätte Pinheiro die harmlose Situation, wie Yakin sagt, "einfach laufen lassen", wäre nie eine Karte gefallen, die zu korrigieren gewesen wäre. Der VAR griff also nicht in ein glasklares Fehlurteil ein, sondern in eine Situation, die der Schiedsrichter mit einer unnötigen Verwarnung selbst geschaffen hatte. Die Technik reparierte einen Fehler und produzierte dabei eine Konsequenz, die weit über den ursprünglichen Anlass hinausging.

Trotzdem verzerrt Yakins Empörung die Verantwortlichkeiten. Embolo ist geflogen, weil Embolo abgehoben hat, um ein Foul zu erschleichen. Kein Videoassistent, keine neue Regel und kein portugiesischer Schiedsrichter haben ihn dazu gezwungen. Wer sich fallen lässt, wo niemand ihn berührt, hat die Schwalbe selbst begangen, und die zweite Gelbe Karte war deren Preis. Dass dieser Preis in einem WM-Viertelfinale schmerzhaft ausfällt, ändert nichts an der schlichten Ursache.

Die interessante Frage ist eine andere, und sie ist größer als dieser eine Abend. Eine Regel, die erst zu WM-Beginn in ihrer Reichweite präzisiert werden musste, ist keine, die den Spielern und Trainern selbstverständlich vertraut war. Wenn eine Bestimmung so spät klargestellt wird und dann ein Viertelfinale kippt, dann liegt das Versäumnis nicht auf dem Rasen, sondern bei denen, die sie ohne ausreichende Aufklärung ins Turnier schickten. Yakin sagt, die Regel habe sein Spiel zerstört. Genauer wäre: Eine kaum eingeübte Regel traf auf einen vermeidbaren Schiedsrichterfehler und auf einen Spieler, der sich fallen ließ.

Am Ende nutzten Julian Alvarez und Lautaro Martinez die Überzahl zum 3:1. Das ist der nüchterne Ausgang. Yakins Satz, die Regel habe mit Fußball nichts zu tun, ist zu bequem, weil er die eigene Schwalbe herausrechnet. Sein Zorn über eine unfertig eingeführte Bestimmung aber ist berechtigt: Wer Technik so tief in den Spielfluss lässt, muss ihre Regeln vor dem Turnier beherrschbar machen, nicht während.

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