Woltemade holt den Ausgleich – und bleibt bei Juventus Reserve
In Turin liefert der Neuzugang in 15 Minuten den entscheidenden Freistoß. Belohnt wird trotzdem ein Franzose, der seit drei Spielen kein Tor trifft.
Fünfzehn Minuten reichten Nick Woltemade, um beim 1:1 gegen die AC Mailand das zu tun, wofür seine Elf über 90 Minuten zu selten die Mittel fand: einen Torabschluss vorzubereiten. In der 75. Minute eingewechselt, holte er den Freistoß heraus, den Federico Gatti in der Nachspielzeit (90.+2) zum Ausgleich verwandelte. Danach noch ein Gerangel mit Milans Strahinja Pavlovic, kurze Rudelbildung, schnell aufgelöst. Präsenz war da.
Und was folgt daraus für die Startelf von Juventus Turin? Nichts. Luciano Spalletti, der Trainer, hat sich beim Debüt seines Neuzugangs demonstrativ hinter einen Stürmer gestellt, der liefern soll und nicht liefert – die Rangordnung erklärt sich hier eher aus Loyalität als aus Leistung.
Randal Kolo Muani ist auch im dritten Saisonspiel ohne Tor geblieben. Trotzdem sagt Spalletti über seinen Neuner den Satz, der jede Diskussion beenden soll: „Ich setze voll auf Kolo Muani und bleibe bis zum Saisonende dabei. Und am Ende der Saison werden wir dann sehen, wo dieser Zug angekommen ist.“ Ein Bekenntnis mit Ansage, ausgesprochen für einen Mann, dessen Bilanz genau das Gegenteil eines Bekenntnisses rechtfertigt.
Für Woltemade dagegen hatte der Coach fünf Worte über. „Nick hat die entsprechende Statur; er ist stark im Kopfballspiel“, sagte Spalletti – und wandte sich sofort seinem Neuner zu. Das ist die Sprache, mit der man einen Einwechselspieler beschreibt, keinen, den man einbauen will. Statur und Kopfball: die Beschreibung einer Rolle für Standards, nicht für die Zentrale.
Dabei hat Spalletti das Problem im selben Gespräch ja benannt. Es fehlten „die richtigen Entscheidungen beim Abschluss oder beim entscheidenden Pass in die Tiefe“, das Aufbauspiel bei Ballbesitz müsse besser werden. Wer die Offensive so seziert und dann den torlosen Stürmer festschreibt, während der Debütant in einer Viertelstunde die einzige zählbare Aktion vorbereitet, argumentiert gegen sich selbst.
Sieben Punkte aus drei Auftaktspielen sind eine Bilanz, die keinen Trainer zwingt, seine Sturmordnung umzuwerfen. Kolo Muani spielt seit Saisonbeginn, Woltemade ist neu, ein Debütant muss sich seinen Platz erst verdienen – gegen einen Gegner wie Milan, „eine großartige Mannschaft“, wie Spalletti sagt, wechselt man nicht leichtfertig durch. Das ist die vernünftige Lesart.
Nur trägt sie nicht bis zum Saisonende. Denn Spalletti hat sich nicht auf die Startelf des Tages festgelegt, sondern auf einen Namen für eine ganze Spielzeit. Er bindet sich an Kolo Muani unabhängig davon, ob dessen Torkonto stehen bleibt – und nimmt einem Neuzugang, der beim ersten Kurzeinsatz die Wende einleitete, vorab die Perspektive.
Die sieben Punkte kaschieren, was die drei Nullen im Kolo-Muani-Konto längst zeigen: Juventus gewinnt, obwohl vorne keiner trifft. Woltemade hat in 15 Minuten mehr für ein Tor getan als der Mann, auf den sein Trainer bis zum Saisonende schwört.