Warum Deutschland keine Mbappés mehr hervorbringt

Ein Ex-Akademieleiter rechnet mit der Talentförderung ab. Wer Fehlerfreiheit über Eigenwilligkeit stellt, findet solide Profis, aber keine Ausnahmespieler.

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Warum Deutschland keine Mbappés mehr hervorbringt
imago images/Hartenfelser

Tobias Haupt war fünf Jahre lang Leiter der DFB-Akademie, von 2018 bis 2023, installiert vom damaligen Verbandsdirektor Oliver Bierhoff, und im Dezember 2023 vorzeitig getrennt vom Verband. Innerhalb des DFB galt er als umstritten. Das muss man wissen, wenn man liest, was er jetzt dem Nachrichtenportal t-online gesagt hat. Denn der 42-Jährige spricht aus einer Position, die im Verband nicht mehr seine ist, und er spricht über Dinge, die er von innen kennt. Das macht seine Diagnose nicht automatisch richtig, aber es macht sie schwer abzuweisen.

Haupts Befund klingt nüchtern und ist doch hart. „Wir haben traditionell sehr viel Wert auf Kollektiv, taktisches Verhalten, Verlässlichkeit und Mentalität gelegt. Heute reicht das aber nicht mehr", sagt er. Das ist eine Abrechnung mit dem, was lange als deutsche Tugend galt: die Idee, dass die Summe der Teile mehr ergibt als die Einzelteile. Haupt sagt nicht, das sei falsch gewesen. Er sagt, es genüge nicht mehr.

Konkret wird er bei den Positionen, an denen die A-Nationalmannschaft seit Jahren sucht: Mittelstürmer und Außenverteidiger. „Solche Themen entstehen nicht plötzlich oben in der A-Nationalmannschaft, sie sind das Ergebnis jahrelanger Fehlentwicklungen", sagt Haupt. Das ist der entscheidende Satz, weil er die Debatte von der Bühne der Länderspielwochen wegholt. Wer einen Mittelstürmer im A-Kader vermisst, hat das Problem nicht beim Bundestrainer, sondern in der Ausbildung, die zehn, zwölf, fünfzehn Jahre zurückreicht. „Wir müssen Mittelstürmer und Außenverteidiger wieder bewusster entwickeln", fordert Haupt und beklagt, dass er weder konsequentes Handeln noch den nötigen Schulterschluss im deutschen Fußball erkennen könne.

Der zweite Strang seiner Kritik ist heikler, weil er ins Grundsätzliche zielt. Haupt sagt, es sei kein Zufall, dass in Deutschland die Superstars fehlten. Deutschland habe immer viele sehr gute Spieler gehabt, aber die „absolute Ausnahme-Kategorie" sei etwas anderes. Er nennt Lionel Messi, Cristiano Ronaldo, Kylian Mbappé und Erling Haaland, Spieler, die nicht nur Spiele entscheiden, sondern „über Jahre die Wahrnehmung einer Mannschaft" verändern. Und er sagt, sie stammten „alle nicht durch Zufall aus Systemen, in denen Talententwicklung noch einmal auf einem ganz anderen Level betrieben wird als bei uns".

Die Frage, was das konkret heißt, beantwortet Haupt mit einem Plädoyer gegen das Raster. Man müsse „dringend davon wegkommen", junge Spieler zu früh einzusortieren. „Wir dürfen im deutschen Fußball nicht nur Spieler suchen, die möglichst früh möglichst wenig falsch machen. Außergewöhnliche Spieler entstehen auch dadurch, dass sie Dinge ausprobieren dürfen, die nicht sofort perfekt aussehen." Das ist eine Kritik am Sicherheitsdenken in der Ausbildung, an einer Auswahl, die das Fehlerfreie höher gewichtet als das Eigenwillige. Wer so siebt, sagt Haupt im Grunde, findet zuverlässige Bundesligaspieler, aber keine Mbappés.

Man kann darüber streiten, ob ein Akademieleiter, der fünf Jahre im Amt war, nicht selbst Adressat seiner Forderungen sein müsste. Man kann auch darüber streiten, ob die Trennung im Dezember 2023 die Aussagen einfärbt. Aber die zwei Punkte stehen unabhängig davon im Raum: Die Schwächen oben sind keine Tagesform, und die Talententwicklung selektiert in eine Richtung, in der das Außergewöhnliche selten überlebt. Beides ist nicht in einer Trainingswoche zu lösen. Beides erklärt aber, warum die A-Nationalmannschaft seit Jahren an denselben Stellen sucht.