Von 0:12 zur Siegesserie: Der HSV zeigt endlich wieder Charakter

Drei Niederlagen, kein eigenes Tor – und plötzlich drei Siege am Stück. Was Hamburg zeigt, ist weniger Taktik als Haltung.

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Torjubel nach Tor zum 1:0 Miro Muheim (Hamburger SV, 28) GER, Hamburger SV vs. VfB Stuttgart, Fußball, 1. Bundesliga, Spieltag 06, Saison 2026 2027, 17.10.2026 DFL REGULATIONS PROHIBIT ANY U
Foto: IMAGO/Eibner

Miro Muheim, 88. Minute, Volksparkstadion. Ein Traumtor zum 1:0 gegen den Champions-League-Teilnehmer VfB Stuttgart, und der Schweizer Nationalspieler glaubt zunächst selbst nicht, was gerade passiert ist. „Beim Schlusspfiff ist alles abgefallen“, sagt er am Samstagabend im Kabinentrakt. Es ist nicht sein erster später Streich: Schon beim 3:2 in Hoffenheim traf er in der Nachspielzeit.

Trainer Merlin Polzin nennt ihn „Doppel-Matchwinner“ und gerät ins Schwärmen. Doch Muheims Tore sind nur die Oberfläche. Darunter liegt das eigentliche Ereignis dieser Wochen: Der Hamburger SV hat etwas zurückgewonnen, das ihm lange abhandengekommen war – den Charakter, ein Spiel über die Zeit zu bringen, wenn es keine Tore regnet.

Denn so hatte diese Saison nicht angefangen, im Gegenteil. Drei Spiele, drei Niederlagen, ein Torverhältnis von 0:12. Kein eigenes Tor in drei Partien, das ist ein Kellerbefund. Ein Team, das so beginnt, wird selten für seine Nervenstärke gelobt.

Umso mehr fällt ins Gewicht, was seither passiert ist. Drei Erstligasiege in Serie – und das hat der HSV zuletzt vor mehr als 15 Jahren geschafft. Wer diese Zahl richtig liest, versteht, wie selten sie bei diesem Klub geworden ist: eine ganze Fußballergeneration lang gelang sie nicht. Ausgerechnet nach dem Fehlstart kommt sie jetzt zustande.

Der nüchterne Blick mahnt zur Vorsicht, und er hat gute Gründe. Yussuf Poulsen, der erfahrene Angreifer, sagt selbst: „Es ist immer noch der Anfang der Saison, es wird auch wieder Phasen geben, aus denen wir uns rauskämpfen müssen.“ Drei Wochen vorher stand das 0:12, drei Siege sind rechnerisch noch keine gesicherte Trendwende, und in Paderborn kommt schon der nächste Prüfstein.

Nur hat Poulsen seinen Satz nicht dort enden lassen. „Aber es ist schön zu sehen, wie die Mannschaft kämpft. Das ist die Mentalität, die wir brauchen.“ Genau darin liegt der Unterschied zwischen einem Glücksergebnis und einer Entwicklung. Eine Mannschaft ohne Charakter zerbricht nach 0:12. Diese hat sich herausgekämpft – und zwar mit knappen 1:0 und späten Treffern, also mit dem Nervenkostüm, das die schweren Spiele entscheidet.

Dass die entscheidenden Tore ausgerechnet in der 88. und in der Nachspielzeit fallen, ist kein Zufall der Statistik. Es ist der Beweis, dass dieses Team bis zum Schlusspfiff daran glaubt. „Er hat sich immer in den Dienst der Mannschaft gestellt“, sagt Polzin über Muheim, und spricht damit auch über das Ganze. Ein Spieler, der sich unterordnet und trotzdem den Sieg holt, verkörpert genau das, was Poulsen meint.

Vor drei Wochen hätte man den HSV nach null Toren in drei Spielen abgeschrieben. Heute steht er mit einer Serie da, die 15 Jahre auf sich warten ließ – und das verdankt er weniger seinen Füßen als seinem Kopf.