Vielfalt als Superkraft: Rassisten schwächen den Fußball!

Vereine mit offenen Strukturen haben Vorteile. Wer Diskriminierung zurückdrängt, gewinnt nicht nur Mitglieder, sondern auch sportlich, weiß Gerd Thomas.

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Vielfalt als Superkraft: Rassisten schwächen den Fußball!
Jetzt erst recht: Das Bekenntnis gegen Rassismus ist das Gebot der Stunde - Foto: Martin Leissl

Wie sieht eine Patriotismus-Erklärung der Sportvereine aus, die sich der Wahlgewinner aus Sachsen-Anhalt wünscht? Wir werden es vermutlich leider bald erfahren. Es ist nicht zu erwarten, dass darin eine Verpflichtung gegen Rassismus und Homophobie vorkommen muss, eher ein Bekenntnis zum Vaterland – was immer damit gemeint sein mag.

So viel dürfte feststehen: Auf liberale und weltoffene Vereine mit einem klaren Bekenntnis zu demokratischen Strukturen könnten aufwühlende Zeiten zukommen. Hauptbetroffene in einem Verein sind in erster Linie die Engagierten, für die es ohnehin schon seit längerer Zeit ungemütlicher wird. Denn das Ehrenamt im Sport ist unter Druck. Wenn ihre Vereine dann auch noch von Menschen mit rechtsextremem Gedankengut geführt werden, ist das noch nie gut ausgegangen.

Die Sportschau berichtete in der Woche vor dem irritierenden Wahlergebnis vom Sonntag über besonders krasse Fälle. Fast gleichzeitig gab es ebenda einen langen Artikel über die sich zuspitzende Situation beim sportlichen Ehrenamt. Nicht nur in Sachsen-Anhalt sind Vereine aufgrund mangelnder Trainerinnen und Trainer oder Vorstände in der Existenz bedroht. Ich durfte ein paar Sätze zur Einschätzung der Lage beitragen und auf unser Handbuch „Ehrenamt mittendrin“ hinweisen, welches ich vor gut einem Jahr mit Susanne Amar und Lea Gleisberg herausgebracht habe. Darin sind viele Tipps für Ehrenamtliche in Sportvereinen erhalten, nicht zuletzt für Vorstände, aber auch für Trainerinnen und Trainer.

Die neuen Themen des Ehrenamts

Das Buch findet großen Anklang, es steht kostenlos zum Download zur Verfügung. Unter anderen kommen auch prominente Menschen wie Ewald Lienen oder Andreas Rettig zu Wort. Wir haben schon Ideen für eine Fortsetzung gesammelt, allerdings fehlt noch die Finanzierung. Die Themen liegen auf der Hand: Finden und Binden von Engagierten, Zusammenspiel der Generationen, Kommunikation, Nachfolge im Vorstand und nicht zuletzt Vielfalt. Vor allem der letzte Punkt wird den nationalistischen Oberexperten in den Parlamenten sicher nicht schmecken.

Wenn aber inzwischen mehr als 50 Prozent der deutschen Grundschüler eine familiäre Zuwanderungsgeschichte haben, müssen wir uns mit Diversität beschäftigen und dieser Rechnung tragen. Alles andere wäre nicht zuletzt wegen der Schmälerung der sportlichen Erfolgsaussichten fahrlässig. Wird ein Rechtsextremist im Krankenhaus nicht mehr behandelt, weil seine Gesinnung die vielen Ärzte und Pflegekräfte mit Migrationshintergrund in ein anderes Bundesland vertrieben hat, hält sich mein Beileid in sehr engen Grenzen. Wenn Kinder und Jugendliche aus demselben Grund in den Vereinen nicht mehr trainiert werden, ist das nicht hinnehmbar.

Unter dem Dach des Berliner Fußball-Verbands tummeln sich Menschen, die sich aus weit mehr als 100 Nationalitäten zusammensetzen - vielleicht haben wir sogar Menschen aller Länder im Einsatz. Allein beim FC Internationale kommen wir auf 70, in anderen großen Vereinen dürften es ähnlich viele sein. Nicht, weil wir Flaggen sammeln, sondern weil es in einer freiheitlichen Weltmetropole normal ist und bleiben sollte. Da der Fußball die mit Abstand größte Sportart ist, kommen hier auch besonders viele verschiedene Kulturen, Traditionen und Ansichten zusammen.

Vielfalt stärken heißt Chancen erhöhen

Der Amateurfußball geht auch quer durch die Milieus. Es kann durchaus passieren, dass bei der Ü40 der Taxifahrer im Team mehr Gewicht hat als der Professor, manchmal hat er vom Fußball einfach mehr Ahnung. Nicht zuletzt diese Durchlässigkeit macht unsere Sportart aus. Würden sich die feuchten Träume der Nationalisten durchsetzen, wäre das DFB-Team noch weniger wettbewerbsfähig als ohnehin schon. Das viele Geld für Jürgen Klopp und seinen Stab könnten wir sparen. Ich frage mich nur, warum Sportreporter auf diese Binsenweisheit so selten hinweisen, sich stattdessen in abgedroschenen Sprüchen wie „Der hat zu viele Körner auf dem Platz gelassen!“ verheddern.

Gern würde ich ihnen antworten: „Was ist denn hier los? Du hast doch Vertrag. Oder hast du dein Herz (und deinen Kopf) auf dem Platz gelassen?“!!! Doch zurück zum Ernst der Lage. Wenn wir es nicht schaffen, die längst vorhandene Vielfalt in den Vereinen auch in die Vorstandsämter zu kriegen, werden wir auf kurz oder lang scheitern. Es gibt in sehr vielen Vereinen mit dem Namen Teutonia, Viktoria, Concordia oder Eintracht Trainer und Schiedsrichter mit türkischen, kroatischen oder südamerikanischen Nachnamen. In Vorstandsämtern findet man sie eher selten. Frauen würden übrigens auch helfen. In den USA ist das anders. Der Bürgermeister von New York hat die ugandische und amerikanische Staatsbürgerschaft, der US-Außenminister hat kubanische Eltern. Der US-Präsident hat gar deutsche Wurzeln, in Vergangenheit und Gegenwart allerdings keine gute Idee.

Mit Rassisten sind wir nicht wettbewerbsfähig

Sportvereine, denen es gelingt, die Durchlässigkeit zu verbessern, also auch vielfältigere Vorstände zu wählen, dürften einen Wettbewerbsvorteil haben. Gelingt es uns, Rassismus und Ausgrenzung zurückzudrängen, würden sich vielleicht auch mehr in Deutschland aufgewachsene Fußballer für die deutsche Nationalmannschaft entscheiden. Verfahren wir mit ihnen wie mit Weltmeister Mesut Özil oder wie mit Jonathan Tah nach seinem tragischen Fehlschuss, werden sich viele begabte Spieler abwenden. Deutschland wird dann vermutlich nur noch sehr selten gegen Mannschaften wie Frankreich oder England bestehen können.

Es ist nicht zu erwarten, dass dies in die Köpfe der Rechtsaußen hineingeht. Fälschlicherweise stehen ja Torhüter und Linksaußen im Verdacht, ein wenig verrückt zu sein. Wie im internationalen Vergleich kann man als Gesellschaft auch vor der eigenen Haustür nur erfolgreich sein, wenn der Zusammenhalt stimmt. Fußball ist ein Teamsport, bei dem es auf jeden in der Mannschaft ankommt. Wichtig ist allerdings, dass er sich solidarisch ins Kollektiv einfügt. Wer das nicht tut, wird schnell wieder ausgewechselt.