VfL Wolfsburg: Ein Werksklub spielt gegen die eigenen Erwartungen
Am Millerntor entscheidet sich der Klassenerhalt. Matthäus benennt, was der Kader eigentlich könnte — und warum genau das zum Problem wird.
Wenn Lothar Matthäus in seiner Sky-Kolumne schreibt, der VfL Wolfsburg stehe von den drei verbliebenen Abstiegskandidaten „am meisten unter Druck", dann beschreibt er damit weniger die sportliche Ausgangslage als eine strukturelle Schieflage. Denn rechnerisch sind die Voraussetzungen für den VfL sogar die besten: Wolfsburg, der 1. FC Heidenheim und der FC St. Pauli gehen punktgleich in den letzten Spieltag, der VfL hat die bessere Tordifferenz. Nur eine Mannschaft aus diesem Trio kann sich noch in die Play-offs retten, zwei müssen runter. Und ausgerechnet der Werksklub aus Wolfsburg ist derjenige, der sich diese Konstellation selbst eingebrockt hat.
Matthäus bringt auf den Punkt, was in Wolfsburg seit Wochen niemand mehr schönreden kann. „Der VfL hat mit Abstand den stärksten Kader", schreibt er über die drei Abstiegskandidaten, „vom Personal her müsste der VfL auf einem einstelligen Tabellenplatz stehen, vom Budget her müsste man international spielen." Das ist kein Vorwurf eines Außenstehenden, sondern eine nüchterne Bestandsaufnahme. Es ist die Lücke zwischen Anspruch und Realität, die den VfL in diese Lage gebracht hat, nicht ein Mangel an Möglichkeiten. Und genau darin liegt der Druck, von dem Matthäus spricht.
Der Unterschied zu Heidenheim und St. Pauli ist offensichtlich, und er ist mental entscheidend. „In Wolfsburg hatte man vor der Saison andere Ziele, bei Heidenheim und St. Pauli wusste man, dass es gegen den Abstieg geht", schreibt Matthäus. Wer sich im Sommer in der Europapokal-Region verortet und im Mai am Millerntor um den Klassenerhalt bangt, der spielt gegen die eigenen Erwartungen an. Heidenheim und St. Pauli kennen diese Rolle, sie haben ihr Jahr darauf ausgerichtet. Beim VfL dagegen ist jeder Ballverlust, jede Fehlentscheidung mit der Frage unterlegt, wie es überhaupt so weit kommen konnte.
Dass die Entscheidung ausgerechnet im direkten Duell am Millerntor fällt, macht die Lage für Wolfsburg nicht einfacher. Der VfL hat die bessere Tordifferenz im Gepäck und damit rechnerisch den Vorteil, aber er spielt im vollsten Stadion dieses Spieltags, bei einem Gegner, der seit dem Aufstieg nichts anderes getan hat, als sich zu behaupten. St. Pauli braucht den Sieg, um selbst zu bleiben. Heidenheim spielt parallel gegen sich selbst und gegen die Tordifferenz. Und Wolfsburg? Wolfsburg steht vor der Aufgabe, in einer Atmosphäre zu bestehen, für die der eigene Kader eigentlich zu gut sein müsste.
Matthäus formuliert die einzige Handlungsanweisung, die in dieser Lage noch Sinn ergibt: „Am Ende muss jeder auf Sieg spielen, das ist das Entscheidende." Das klingt banal, ist aber in der Realität des letzten Spieltags alles andere. Rechnen, taktieren, verwalten — alles, was sonst zum Repertoire eines Trainers gehört, verbietet sich bei drei punktgleichen Teams. Es bleibt nur die offensive Grundhaltung, und es bleibt die Frage, ob der Kader, den Matthäus zu Recht als den stärksten der drei bezeichnet, diese Haltung am Millerntor auch auf den Platz bringt.
Die strukturelle Frage, die dieser Spieltag hinterlässt, wird den VfL unabhängig vom Ausgang beschäftigen. Warum ein Werksklub mit Top-Budget überhaupt in die Situation gerät, am 34. Spieltag um den Relegationsrang zu spielen, lässt sich mit einem Sieg am Millerntor nicht beantworten. Sie lässt sich nur verschieben.