VAR-Ausweitung zur WM: Die FIFA wagt nur die halbe Lösung
Hellmut Krug benennt vor dem Turnier einen Geburtsfehler der neuen Regeln. Wer Verwarnungen prüft, muss auch deren Vorgeschichte prüfen.
Hellmut Krug ist 70, war 1994 bei der ersten WM in den USA als Schiedsrichter im Einsatz, und wenn so jemand vor der nächsten WM in den USA, Mexiko und Kanada den Kopf schüttelt, lohnt es sich, kurz innezuhalten. Krug hat den Funke-Zeitungen ein Interview gegeben, in dem er die jüngsten Regeländerungen rund um den Videobeweis seziert. Ab dem 11. Juni darf der VAR beim Turnier auf drei Feldern eingreifen, auf denen er bislang außen vor war, zum Beispiel:
- bei unkorrekt gegebenen Ecken,
- bei einer zweiten Gelben Karte, die zu Gelb-Rot führt.
Drei Erweiterungen, die auf dem Papier nach Detailpflege klingen. In der Praxis sind sie ein Eingriff in die Mechanik des Spiels.
Krugs Einwand ist zunächst der Einwand des Praktikers. „In der Konsequenz wird das zu weiteren unnötigen Spielunterbrechungen führen", sagt er den Funke-Zeitungen, und er garantiert „etliche Diskussionen bezüglich der Gelben Karten". Das ist keine Klage über Technik, sondern über Auslegung. Wer die Ecke nachprüft, prüft eine Sekunde, die zwanzig Sekunden vorher passiert ist. Wer die Verwarnung nachprüft, betritt einen Raum, in dem der Schiedsrichter seit Generationen die Hoheit hatte: das Foulspiel und seine Bewertung.
Genau hier setzt Krugs zweites, schwerer wiegendes Argument an, und es ist kein technisches, sondern ein logisches. „Was passiert denn, wenn die zweite Gelbe Karte korrekt ist, die erste aber völlig unberechtigt war? Das ist inkonsequent", sagt er. „Dann müsste man genau genommen zukünftig jede Gelbe Karte überprüfen, doch das würde zu noch mehr Unterbrechungen führen – und ist aus meiner Sicht der falsche Weg." Krug benennt damit eine Lücke, die sich durch keine Protokollverfeinerung schließen lässt. Wer den Platzverweis korrigieren will, muss die Vorgeschichte mitkorrigieren – sonst korrigiert er nichts, sondern verschiebt die Willkür nur eine Karte nach hinten.
Es ist dieses Inkonsequente, das die Erweiterung so anfällig macht. Der VAR ist als Korrektiv für klare und offensichtliche Fehler gedacht, nicht als zweite Instanz für Ermessensentscheidungen. Eine Gelbe Karte ist fast immer Ermessen. „Da gibt es so viel Handlungsspielraum", sagt Krug, und der Satz beschreibt ziemlich genau, warum der Eingriff bei der zweiten Verwarnung nicht das Problem löst, das er zu lösen vorgibt. Er verlagert es. Er macht aus einer Schiedsrichterentscheidung eine zweistufige Prozedur, deren erste Stufe weiterhin unüberprüft bleibt.
Bleibt die Frage, was das für ein Turnier bedeutet, das ohnehin unter besonderem Druck steht. Drei Gastgeberländer, klimatische Belastungen, ein aufgeblähter Modus – und nun eine VAR-Ausweitung, deren Geburtsfehler ein anerkannter Fachmann vor Anpfiff benennt. Niemand verlangt, dass Schiedsrichter unfehlbar sind. Aber die Fehlerkorrektur sollte nicht selbst neue Fehlerquellen produzieren. Krugs Punkt ist nicht nostalgisch. Er ist nüchtern: Wer überprüft, muss zu Ende überprüfen, oder er sollte es lassen.
Was die FIFA in den USA, Mexiko und Kanada vorhat, ist die halbe Lösung. Und halbe Lösungen, das wissen Schiedsrichter besser als alle anderen, sind im Fußball am Ende fast immer die schlechteren.