Sportpolitik made in Germany: Vakanzen statt Visionen
Keine Ministerin, kein Plan, kein Interesse: Die Sportpolitik von Kanzler und Vizekanzler lässt Amateurvereine und Ehrenamtliche im Stich, kritisiert Gerd Thomas.
Der Kanzler ist im Urlaub. Im Ministerium für Ehrenamt und Sport ist auch niemand. Zumindest keine Ministerin – oder wenigstens ein Minister. Die Stelle ist vakant. Der Kanzler hat die geschätzte bisherige Amtsinhaberin ins Gesundheitsministerium versetzt. Dort sitzt nun ein Novize, der sich selbst vor einem Jahr so beschrieb: „Warum wird der Gesundheitsminister? Was hat der damit zu tun?“ Es ist also gut, wenn der fachfremde bisherige Generalsekretär etwas Unterstützung von einer Frau erhält, die schon mal Verantwortung außerhalb der Partei übernommen hat. Aber sie fehlt nun an anderer Stelle.
Gerüchteweise sollte die ehemalige Weltfußballerin Nadine Keßler übernehmen – aber eben nur gerüchteweise. Da bei ihrem jetzigen, sicher gut zahlenden Arbeitgeber, der UEFA, gerade die spannendste Situation ihrer Geschichte entsteht, kann das Gerücht auch ein Gerücht bleiben. Es gab eh nur eine Quelle. Und mal ganz ehrlich: Warum auf den Schleudersitz als Staatsministerin im Kanzleramt wechseln, wenn man Teil der Übernahme des Weltfußballs sein kann?
Personalchaos statt Sportvision
Die irrlichternde Personalpolitik zeigt vor allem eins: Deutschland hat sich von größeren Ambitionen im Sport längst verabschiedet. Zumindest gilt das für Watzke-Freund Friedrich Merz, genau wie für seinen Vizekanzler und Bayern-Fan Lars Klingbeil. Aber auch ein Blick auf die letzten Ergebnisse und Medaillenspiegel ist aufschlussreich. Dass die unvollständige Personalrochade unmittelbar vor dem nationalen Olympia-Entscheid vollzogen wird, passt ins Bild. Übrigens ebenso kurz nach der Einsetzung eines neuen Sportfördergesetzes. Auf den Weg gebracht von der bisherigen Ministerin Dr. Christiane Schenderlein.
Auch wenn man es nicht eilig zu haben scheint: Es wird sich eine Person finden. Zumindest dann, wenn alle Scharaden in der Partei geklärt sind, Qualifikation ist eh überbewertet. Und warum soll sich der Kanzler ins Zeug legen, wenn im ambitionslosen Berliner Wahlkampf Sport und Ehrenamt auch ignoriert werden? Was bedeuten schon mehr als 800.000 Mitglieder in den Sportvereinen der Hauptstadt, wenn man so glänzende Performances wie die Berliner Parteien hinlegt und auch Hertha keine Ansprüche mehr auf Professionalität hegt? Man könnte jetzt noch über die Zielgruppe der Rettungskräfte und Feuerwehrleute sprechen, die in der selbst ernannten Sportmetropole genauso bedroht werden wie die Schiedsrichter im Amateurfußball – Letztere nicht nur in Berlin.
Wir haben leider keinen Kunstrasen für dich
Ein Gespräch mit der für die Grünflächen zuständigen Politikerin war ebenfalls ernüchternd. Nein, der Platz könne in diesem Jahr wieder nicht saniert werden. Der vom Nachbarverein auch nicht – kein Personal. Geld sei da, aber das könne man nicht verbauen und würde es nun anderweitig verwenden. Wofür man einen Planungsstab benötigt, weil ein genormter Kunstrasen der Größe 90 x 60 Meter gegen einen neuen ausgetauscht werden soll, ist mir nicht ersichtlich. Wenn der Wohnzimmerteppich neu muss, holt man doch auch keinen Planer und Gutachter, sondern bestellt bei einer Fachfirma, die es tatsächlich auch für Kunstrasen gibt. Wobei man im Wohnzimmer im Gegensatz zum Sportplatz sogar noch um die Ecke schneiden muss. Bestimmt ein Thema der Haftung. Das Thema zieht immer.
Unser Tennis-Crack und Noch-Bürgermeister tönte zu Amtsbeginn, er wolle die Bürokratie eindampfen, eine Verwaltungsreform durchsetzen. Das hat er mit Hilfe der Opposition auch geschafft, ein Unterfangen wie bei „Kai aus der Kiste“ im vor 99 Jahren erschienenen Kinderbuch. Innerhalb von drei Tagen kriegt man jetzt einen Termin beim Bürgeramt, um sich umzumelden oder einen Führerschein zu beantragen. Bestattungen dauern länger.
Dennoch Tusch! Konfetti! Feuerwerk! Aber auch ein Vergleich: In Norwegen oder Portugal erledigt man Behördengänge, Steuern und Kommunikation mit dem Staat fast ausschließlich online. Aber die spielen mit ihren 5 bzw. 11 Millionen Einwohnern ja auch den deutlich besseren Fußball.
Breitensport braucht mehr als Instagram-Fotos
Jürgen Klopp will das ändern, wofür ich ihm viel Glück wünsche. Doch wie soll er Begeisterung in eine sportlich am Boden liegende 80-Millionen-Fußballnation bringen, wenn niemand in der Politik sich für den Sport an der Basis interessiert und die Sportverbände es nicht schaffen, diesen erbärmlichen Zustand zu verändern?
Lars Klingbeil und Friedrich Merz glauben wahrscheinlich, Bayern und der BVB stünden stellvertretend für den Fußball. Ich lade die beiden herzlich ein, bei uns vorbeizukommen und sich anzusehen, wie der echte Breitensport aussieht. Der neue SPD-Spitzenkandidat hat schon Erfahrungen mit unserem Platz gemacht. Ich habe aber vorher die Schuhe kontrolliert, denn natürlich ist die Bewässerung defekt. Schließlich sollte er sich keinen Kreuzbandriss zuziehen, der Mann muss noch Wahlkampf machen. Gespielt hat er sehr ordentlich, sogar das entscheidende Tor geschossen. Am Ende stand er etwas verloren in der Kabine und sah mich an. Meine Antwort: Duschen sind kalt!
Zurück zu unseren Sportskanonen Kanzler und Vizekanzler. Versprechen sie ein ehrliches Gespräch, verspreche ich ihnen auch Fotos mit unseren Jugendlichen für Insta und Co. Wir bieten zudem mehr als 50 Teams, Mädchen, Jungs, Frauen, Männer, sogar Ü60-Teams, 70 verschiedene Nationalitäten, 100 Ehrenamtliche – alles, was das Politikerherz und deren Social-Media-Team begehrt. Wobei ich fairerweise vorausschicken will: Unsere Ehrenamtlichen hätten da ein paar Fragen.