Regionalliga: Reform mit der Brechstange

Fast der komplette Südwesten sagt Nein, in Bayern kommt keine Mehrheit zustande – und DFB-Präsident Bernd Neuendorf zieht das Kompass-Modell in den Amateurklassen trotzdem durch.

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Bernd Neuendorf bei der Verleihung vom Bild Award am 31.08.2026 in Hamburg Bernd Neuendorf attends the Sport Bild Award ceremony on August 31, 2026 in Hamburg, Germany Sport Bild Award 2026
Foto: IMAGO/Apress

93,1 Prozent. So deutlich hat im Südwesten kaum je eine Fußballbasis gesprochen. Die Klub-Verantwortlichen dort wollten Ende Juni nicht das Kompass-Modell, sondern das Regionenmodell – und zwar fast geschlossen. In Bayern votierten 52,4 Prozent überhaupt nur dafür, neue Modelle erst einmal auszuarbeiten. Zwei von fünf Regionen tragen das, was Bernd Neuendorf jetzt beschließen lassen will, nicht mit.

Genau darüber setzt sich der DFB-Präsident hinweg. Bei der Präsidiumssitzung am kommenden Freitag will der 65-Jährige Generalsekretär Holger Blask beauftragen, einen Bundestag „möglichst noch in diesem Jahr“ einzuberufen und den Antrag zum Kompass-Modell vorzubereiten. Aus einer gescheiterten Abstimmung wird so eine Chefsache, aus einem Nein von zwei Regionen ein Verfahrensproblem, das man auf höherer Ebene wegorganisiert. Das ist eine Machtansage.

Neuendorf beruft sich auf ein starkes Votum aus drei Regionen und auf eine „in Summe bundesweite Mehrheit“ für sein System. Und tatsächlich: Im Westen (60,9 Prozent), im Norden (61,5) und im Nordosten (76,3) favorisierten die Klubs das Kompass-Modell. Wer die jahrelange Blockade des Unterbaus vor Augen hat, kann argumentieren, dass eine Entscheidung gegen zwei Regionen weniger schadet als der Stillstand, den ein weiterer gescheiterter Anlauf bedeuten würde. Ende Juni ist ein Reformversuch der Regionalligen ja bereits geplatzt.

Nach dem Kompass-Modell sollen die Vereine flexibel nach geografischen Kriterien auf die vier Regionalligen Nord, Ost, West und Süd verteilt werden, wie zuletzt bereits u.a. der kicker berichtet hatte. Ziel ist eine möglichst ausgewogene und regionale Zuordnung der Klubs, Derbys sollen weiter stattfinden.

Nur trägt diese Rechnung nur, solange man die Zahlen bloß addiert und nicht wägt. 93,1 Prozent sind keine knappe Ablehnung, die man mit einem Mehrheitsbeschluss überstimmt und dann zur Tagesordnung übergeht. Sie sind ein Signal, dass eine ganze Region ein anderes Modell will – und dieselbe Region hat heute, gemeinsam mit dem Westen, als einzige ein automatisches Aufstiegsrecht ihres Meisters. Wer dort mit 93,1 Prozent Nein sagt, sagt es nicht aus Bequemlichkeit.

Neuendorf warnt, der Fußball dürfe „nicht zum Sinnbild der Reformunfähigkeit in Deutschland werden“, das Problem müsse „zügig“ gelöst werden. Der Satz klingt staatstragend, doch er verwechselt Tempo mit Zustimmung. Reformfähig ist ein Verband nicht, wenn er schnell entscheidet, sondern wenn seine Beschlüsse von denen getragen werden, die sie ausführen sollen. Träger der Regionalligen sollen künftig nicht mehr die Regionalverbände sein, sondern der DFB selbst. Ausgerechnet die Verbände, die man entmachtet, überstimmt man vorher an der Basis.

Inhaltlich ist am Kompass-Modell wenig auszusetzen. Alle Regionalliga-Meister stiegen direkt in die 3. Liga auf, die vierte Spielklasse würde von fünf auf vier Staffeln verdichtet, Neuendorf tendiert zu „insgesamt 80 Mannschaften, also 20 Klubs pro Staffel“. Das verspricht „mehr sportlicher Qualität“ und eine bessere Ausbildung der Talente. Über das Ziel streitet kaum jemand. Über den Weg dorthin haben zwei Regionen abgestimmt – und ihr Nein soll jetzt nichts mehr wert sein.

Ein Bundestag kann das Kompass-Modell beschließen, das ist sein gutes Recht. Aber ein Beschluss, der die deutlichste Ablehnung überrollt, die es in diesem Verfahren gab, kauft sich das Tempo mit Legitimität. Neuendorf will kein Sinnbild der Reformunfähigkeit sein. Er riskiert stattdessen das Sinnbild eines Verbands, der lieber durchregiert, als zu überzeugen.