Philipp Lahms Diagnose: Deutschland scheitert nicht durch Pech, sondern durch Haltung

Der Weltmeister-Kapitän verweigert die Personaldebatte und zwingt zur Grundsatzfrage. Bleibt der DFB originell und erfolglos oder wählt er endlich Klarheit?

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Philipp Lahms Diagnose: Deutschland scheitert nicht durch Pech, sondern durch Haltung
IMAGO/Jan Huebner

Philipp Lahm hat mit einem Gastbeitrag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung getan, was ihm als Weltmeister-Kapitän besonders gut steht: Er hat nicht auf einzelne Ergebnisse gezeigt, sondern auf ein System. Seine These vom deutschen "Sonderweg" ist unbequem, weil sie nicht nach Ausreden klingt, sondern nach Diagnose. Wer seit zehn Jahren aktuelle Entwicklungen im Weltfußball nicht mitgeht, der scheitert nicht durch Pech, sondern durch Haltung. Und der 42-Jährige sagt das so klar, dass man ihm schwer widersprechen kann: "Wenn wir das weiter tun, werden wir weiter scheitern."

Das ist die eigentliche Wucht dieses Beitrags. Nicht die Kritik an Julian Nagelsmann, die Lahm ausdrücklich bekräftigt, sondern die Verortung dieser Kritik in einem größeren Muster. "Wir verkomplizieren die Dinge durch zu viele Experimente, das war immer meine Kritik an Julian Nagelsmann", schreibt Lahm — und der entscheidende Halbsatz ist "das war immer". Es geht ihm nicht um eine Momentaufnahme, sondern um ein Prinzip. Wechselnde Formationen, Spieler auf falschen Positionen, kein konsistentes Betriebssystem: Das ist kein Betriebsunfall, sondern eine Denkweise, die Beweglichkeit mit Beliebigkeit verwechselt.

Man muss diese Position gewichten, denn sie ist mehr als Nörgelei am Bundestrainer. Lahm stellt einer deutschen Faszination für taktische Variation die schlichte Erfolgslogik der anderen entgegen. Erfolgreiche Mannschaften, so sein Argument, zeichneten sich durch eine klare Spielidee und feste Abläufe aus. Das klingt beinahe altmodisch in einer Fußballkultur, die den Reiz im ständigen Neuerfinden sucht. Aber die Weltmeisterschaft gibt ihm die Belege: Verbände orientierten sich an Spanien und Frankreich, Vereine an Paris Saint-Germain oder dem FC Arsenal. Kontinuität ist kein Rückschritt, sie ist der Standard geworden.

Bemerkenswert ist, wohin Lahm den Blick lenkt. Der Spitzenfußball werde "mehr denn je von Europa bestimmt", und außerhalb des Kontinents nehme nur WM-Finalist Argentinien mit Lionel Scaloni eine ähnliche Vorbildrolle ein. Wer so argumentiert, entzieht dem deutschen Selbstbild seine bequemste Ausrede: dass die Konkurrenz eben global gewachsen sei und man da nur schwer mithalten könne. Nein, sagt Lahm, die Maßstäbe liegen vor der Haustür. Man muss nur bereit sein, sie anzuerkennen, statt den eigenen Weg für den klügeren zu halten.

Am meisten trägt jedoch der Teil, über den öffentlich am wenigsten gesprochen wird: die Ausbildung. Lahm fordert ein Umdenken innerhalb des DFB und ein klares Leitbild, und er begründet das mit einem Satz, der als Leitlinie taugt: Die Qualität der Trainer bestimme die Qualität des Sports. Das ist der Punkt, an dem sich entscheidet, ob diese Debatte etwas verändert oder wieder nur einen Bundestrainer betrifft. Ein System repariert man nicht durch einen anderen Mann an der Seitenlinie, sondern durch die Grundlagen, auf denen alle Trainer stehen.

Genau hier liegt der Wert von Lahms Wortmeldung. Sie verweigert die Personaldebatte, in die man sie sofort pressen möchte, und zwingt zur Grundsatzfrage. Der deutsche Fußball darf sich weiter für originell halten und weiter scheitern. Oder er akzeptiert, dass Klarheit und Kontinuität keine Phantasielosigkeit sind, sondern die Voraussetzung für Erfolg. Lahm hat die Wahl benannt: Es liegt am DFB, ob er sie hört.

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