Olympia-Träume bei der Politik, kaputte Plätze an der Basis
Politiker träumen vom Weltsport, doch die Probleme der Vereinsbasis bleiben seit Jahren ungelöst - meint Gerd Thomas
Deutschland ist im Olympia-Fieber, nach München jetzt auch in NRW. Hamburg steht noch aus, Berlin wird seine Bevölkerung nicht fragen. Ob das klug ist?
Partizipation ist in der Hauptstadt ohnehin nicht hoch im Kurs, Vereine werden in infrastrukturelle Planungen kaum mit einbezogen. Doch wer den Regierenden Bürgermeister in seiner typischen Berliner Bescheidenheit hört, könnte glauben, die Bundeshauptstadt sei der sportliche Nabel der Welt. Den Beweis tritt er gleich selbst an: Bei uns spielen die Würdenträger sogar Tennis, wenn Zehntausende Hauptstädter ohne Strom sind und frieren müssen.
Derweil können die Aktiven an der Basis mit dem Begriff der selbst ernannten „Sportmetropole“ rein gar nichts anfangen. Die so genannte Sportmilliarde – die keine ist – ist ein Tropfen auf den heißen Stein. Laut DOSB ist das Bundesprogramm „Sanierung kommunaler Sportstätten“ 21-fach überzeichnet. Als Spielergebnis wäre das eine Niederlage von 1:20. Dagegen wirken selbst die 11 Gegentreffer meiner Ü60 wie eine Petitesse.
Engagement wird systematisch behindert
Am letzten Freitag habe ich nach 23 Jahren als Trainer, Jugendleiter und Vorsitzender mein Amt niedergelegt. Das Versagen der Berliner Sportpolitik hat mir den Schritt erleichtert. Es ist in dieser Stadt nicht möglich, breitensportliche Visionen zu realisieren, sofern sie nicht das Lieblingsprojekt einzelner Politiker sind.
Wir wollten endlich unseren völlig abgerockten Kunstrasen erneuern. Das Sportamt, verantwortet von einem Leichtathletik-Trainer, hatte große Hoffnung und sogar Geld für die Sanierung aufgetan. Gern hätte ich in meiner letzten Sitzung als Vorsitzender vermeldet: Wir bekommen einen neuen guten Kunstrasen!
Stattdessen musste ich mitteilen: Ihr werdet auch in 2026 wieder mit Bänderrissen, Rückenleiden und Knieschmerzen leben müssen - oder ihr hört einfach auf, Fußball zu spielen. Denn leider wird nicht gebaut. Dass mir die Botschaft ein Abgeordneter mitgeteilt hat, der selbst sein Knie auf miesem Kunstrasen ruiniert hat, macht die Sache nur noch absurder.
Das Grünflächenamt hat kein Personal für Sportplätze. Nicht für den neuen Belag, nicht für die Instandsetzung der seit über einem Jahr defekten Pumpen. Der Boden bleibt also knochentrocken und stumpf. Immerhin wurde mit dem Bau der vor vier Jahren vergessenen Kabinen für den anderen Platz begonnen. Natürlich werden auch die nicht mehr in diesem Jahr fertig. Zuständig für das Versäumnis der Umkleiden war ein anderer Stadtrat.
Ein Roboter, der für 30.000 Euro angeschafft wurde und den Kork auf dem 2022 sanierten Kunstrasen verteilen soll, hat nach nunmehr zwei Jahren immer noch keinen Stromzugang. Zuständig ist eine weitere Stadträtin. So viel sei verraten: Alle gehören unterschiedlichen Parteien an. Es sollte also niemand mit dem Finger auf die anderen zeigen.
Es sind immer die anderen schuld
Mir geht es nicht um Parteien-Bashing, schon gar nicht um die Förderung von Politikverdrossenheit. Aber es gibt in den Berliner Bezirken ein Proporzverfahren. Alle fünf größeren Parteien stellen Stadträte oder Bürgermeister. Und hauen sich dann in den Bezirksparlamenten gegenseitig die Füße weg.
Einbindung der Vereine wird von Politikern und in vielen Ämtern regelrecht gefürchtet. Dass meine Erfahrungen im Wirtschafts-Netzwerk Südkreuz nicht besser sind, ist kein Trost. Leute, ihr macht hier keine Weltpolitik! Es geht „nur“ um das Zusammenleben vor Ort und das Funktionieren des Stadtteils. Ach, die anderen sind schuld? Echt jetzt? Ganz ehrlich: Kommt mal klar!
Wofür es umfangreicher Planung bedarf, wenn ein 60 x 90 Meter großer Kunstrasen gegen einen neuen im gleichen Maß ausgetauscht werden muss, ist mir ein Rätsel. Aber wahrscheinlich müssen die Ämter sogar für den Reifenwechsel der Bezirksfahrzeuge ein Gutachten anfertigen lassen. Derweil lobt sich Berlins Regierender Bürgermeister für die Verwaltungsreform. Man hört den Amtsschimmel im Hintergrund wiehern.
Dennoch müssen die Vereine dranbleiben an der Politik. Ich hoffe inständig, dass wir nach der nächsten Wahl in unserem Bezirk keinen Rechtsextremisten auf einem Stadtratsposten vorfinden, das würde endgültig in der Katastrophe münden. Die demokratischen Parteien sollten darüber nachdenken, ob die Förderung des Breitensports nicht vielleicht Stimmen bringen könnte.
Pflichtschuldig weisen die Sportverbände die Politik auf den Sportstättenmangel hin. Aber das war‘ s dann auch schon. Allein in unserem Verein hatten wir mehr als 700 Kinder auf der Warteliste. Wir haben sie abgeschafft, es ist zu frustrierend. Wer einmal Jugendtrainer oder gar Jugendleiter war, weiß: Es gibt nichts Unproduktiveres als Eltern und deren Kinder absagen zu müssen.
Warum streiken wir nicht?
Ich wäre für drastische Maßnahmen, z. B. für einen einwöchigen Streik aller Jugend-Trainerinnen und -Trainer. Am besten gleich nach den Ferien, also noch rechtzeitig vor den Landtagswahlen. Doch wer organisiert den Streik? Die Verbände sicher nicht. Warum eigentlich nicht?
Ein hoher Funktionär sagte mir: „Der Sport ist nicht kampagnenfähig!“ Meine Antwort: „Das kommt drauf an, wer die Kampagne plant. Ich stehe zur Verfügung, aber Sie müssen das dann aushalten!“ Bisher habe ich keinen Anruf erhalten.
Der Olympiabotschafter unserer Stadt, Präsident eines Profivereins, versuchte mir zu erklären, durch Olympische Spiele in Berlin würden auch Breitensportstätten gebaut. Warum das der Fall sein sollte, habe ich ohnehin nicht verstanden, aber meine Replik war eine andere: „Nehmen wir an, wir bekommen die Spiele 2040 oder 2044, dann könnte es sein, dass wir beide die Offensive für den Breitensport nicht mehr erleben.“
Im Gegensatz zur jüngsten Berliner Abgeordneten (25), in ihrer Partei zuständig für Sport und Soziales. Sie versteht die integrative und soziale Kraft des Sports, im Gegensatz zu den meisten ihrer Kollegen - ein Problem älterer Männer? Und sie wird nicht müde, immer wieder zu fragen, warum wir nicht sofort mit der Sanierung anfangen, denn die Kinder suchen ja heute Plätze in den Vereinen.
Selbst für den unwahrscheinlichen Fall, dass Berlin die Spiele erhält, wäre nicht gewährleistet, dass baldige Besserung in Sicht ist. Die Sportschau titelte neulich treffend und ein bisschen böse: „Generation Gold auf der Warteliste!“
Ich wünsche meinen Nachfolgern im Vorstandsamt viel Kraft und Geduld mit den hiesigen Ämtern. Sie sollten die Folgen des Fiaskos nie als ihr persönliches Versagen einordnen und sich nicht vom Berliner Müßiggang frustrieren lassen.