Der DFB gibt die Deutungshoheit über die Nationalelf an Google ab

Kurz vor der WM lässt der Verband eine KI erklären, was in der Nationalmannschaft passiert. Das ist keine Digitalisierung – es ist Kontrollverlust.

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Der DFB gibt die Deutungshoheit über die Nationalelf an Google ab
IMAGO/Chai v.d. Laage

Sechs Wochen vor dem WM-Anpfiff meldet der DFB keinen Kader, keine Testspielgegner-Überraschung, keine taktische Weichenstellung. Er meldet: einen erweiterten Deal mit Google. Ab dem 1. Juni läuft die Kampagne in TV, Out-of-Home und digitalen Kanälen – pünktlich zu dem Moment, in dem die Nationalelf die höchste Aufmerksamkeit des Jahres bekommt. Und ausgerechnet in diesen Wochen delegiert der Verband die Beantwortung der Fan-Fragen an eine Suchmaschine mit KI-Modus.

Der entscheidende Satz steht nicht in der Pressemitteilung, sondern zwischen ihren Zeilen. Google liefert nicht nur Spielstände und Aufstellungen in Echtzeit – das kann jede App. Laut DFB sollen auch "komplexere, analytische Fragen" beantwortet werden. Analytische. Die Einordnung, warum Bundestrainer Julian Nagelsmann einen Spieler bringt, warum eine Formation scheitert, warum ein Turnier kippt: Das war bisher die Domäne von Journalisten, Trainern, des Verbandes selbst. Künftig erklärt ein Sprachmodell, was in der Nationalmannschaft passiert.

Holger Blask, Vorsitzender der Geschäftsführung der DFB GmbH & Co. KG, nennt das "spürbaren digitalen Mehrwert". Ein schöner Begriff – er beschreibt nur nicht, wer den Mehrwert eigentlich abschöpft. Die Fans bekommen Informationen, die sie ohnehin kostenlos finden. Google bekommt im WM-Sommer den privilegierten Zugang zu einem Millionenpublikum, das nach "Wie spielt Deutschland gegen die Niederlande?" sucht – und eine verbandsgestützte Antwort geliefert bekommt. Die Konditionen dieser Zusammenarbeit werden nicht offengelegt.

Man muss den Schritt im Kontext sehen. Seit 2023 ist Google Partner der Frauen-Nationalmannschaft, die Frauen-Bundesliga heißt offiziell "Google Pixel Frauen-Bundesliga". Jetzt kommt die Männer-Nationalelf dazu, das sportlich und kommerziell wertvollste Asset des DFB. Ein Verband, der bei der EM 2024 im eigenen Land im Viertelfinale gegen Spanien scheiterte, der in der Nations League gegen Portugal ausschied, der sich mühsam zurück in die öffentliche Zustimmung gearbeitet hat: Er gibt die Deutungshoheit über sein wichtigstes Produkt in fremde Hände – und nennt es Innovation.

Die Gegenseite hat ein Argument, das man ernst nehmen muss. Fans informieren sich längst über Google, Instagram, YouTube. Wer das Spielfeld nicht bespielt, verliert es. Insofern ist die Kooperation konsequent. Nur: Konsequent für wen? Ein Verband kann sich eigentlich nicht leisten, den direkten Draht zu seinen Fans einem Tech-Konzern zu überlassen, dessen Geschäftsmodell auf Aufmerksamkeit und Daten beruht, nicht auf Fußball.

Der Markenkern des DFB ist nicht das Trikot. Es ist die Erzählung: die von 1954, von 1974, von 1990, von 2014 – und die, die jetzt kommen soll. Erzählungen entstehen durch Menschen, die hinschauen, einordnen, streiten. Nicht durch ein Sprachmodell, das aus Milliarden Datenpunkten die wahrscheinlichste Antwort destilliert. Wenn die Google-KI im Sommer Millionen Fans erklärt, was in der Nationalmannschaft passiert, dann hat der DFB nicht digitalisiert. Er hat abgegeben.

Wer die Geschichte seiner Mannschaft nicht mehr selbst erzählt, dem gehört sie bald nicht mehr.