Ekel Simeone will den Henkelpott: Gönnen wir's ihm – oder nicht?

Fever Pit'ch-Kolumnist Alex Steudel über den polarisierenden Trainer von Atlético Madrid, der mal wieder zu den Sternen greift

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Ekel Simeone will den Henkelpott: Gönnen wir's ihm – oder nicht?
Foto: Imago / ZUMA Press

Diego Simeone ist seit über 14 Jahren Trainer von Atlético Madrid. Das ist eine ziemlich lange Zeit; zwar nicht vergleichbar mit Frank Schmidt in Heidenheim, aber wir reden ja nicht über die spanische Alb, sondern über die Zentrale des Weltfußballs, über Madrid. 14 Jahre sind acht Jahre mehr, als der dienstzweitälteste Trainer der LaLiga, Betis Sevillas Manuel Pellegrini, vorzuweisen hat.

Also erstmal: Sombrero ab, Diego!

Womöglich ist Simeone aber nur so lange Trainer bei Atlético, weil er noch eine Rechnung offen hat. Der Argentinier, der als Spieler bei der WM 1994 mit Maradona auf dem Platz stand und 1993 die Copa America gewann, hat in Madrid alles abgeräumt, was es abzuräumen gab, also alles bis auf die Champions League. An der hat er sich die Zähne ausgebissen.

Nächster Anlauf: Heute das erste Halbfinale gegen Arsenal.

Doch so zuverlässig er sportlich liefert, so sehr spaltet er auch. Manche finden super, dass Simeone die Königsklasse nicht gewonnen hat, weil sie ihm nicht den Dreck unter den Fingernägeln gönnen – der 56-Jährige ist der größte Spalter der Seitenliniengeschichte. Die Coachingzone kennt er nur aus dem Fernsehen.

El Cholo ist ein echtes Ekel. Schon dieser irre Blick. Bah!

José Mourinho wirkt im Vergleich zu Simeone wie der verschollene Bruder von Urs Fischer.

Auch ich habe ihn lange nicht gemocht und ihm jedes denkbare Debakel gewünscht; dann habe ich eine Doku über ihn gesehen, die eine menschliche Seite an Simeone zeigte. Der Mann ist tatsächlich sensibler als Kupferlackdraht. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit kommen ihm die Tränen, womöglich sogar beim Brötchenkauf.

Heul, jammer, schluchz.

Mir gefällt das ja. Simeone ist extrem egoistisch und kompromisslos, gleichzeitig nah am Wasser gebaut – eine Art vulnerabler Narzisst, sag' ich mal küchenpsychologisch. Man kann zu ihm stehen, wie man will, spannend ist er auf jeden Fall. Er macht den Widerspruch zum Prinzip.

Atlético Madrid wäre jedenfalls ohne ihn ärmer. Er hat den Klub aus dem Mittelfeld geholt und nach vorn geführt, also eine Mannschaft mit bei Bedarf überirdischen Kräften geformt. Alético gewann unter Simeone zwei Meisterschaften, den nationalen Pokal, zweimal die Europa League.

Ich erinnere mich gut daran, wie Atlético 2016 die Bayern aus dem Halbfinale der Champions League kegelte. Saul Niguez erledigte sie mit einem Solo quasi allein. Die "Süddeutsche Zeitung" titelte danach grandios: "Better foul Saul".

In einem dramatischen Endspiel verlor Madrid II damals gegen Madrid I. Sergio Ramos traf für Real im Spiel, Cristiano Ronaldo verwandelte den entscheidenden Strafstoß im Elfmeterschießen. Für Atlético war das schon der zweite gescheiterte Anlauf.

Im Endspiel 2014 hatte Atlético sogar bis zur dritten Minute der Nachspielzeit mit 1:0 gegen Real geführt – Sekunden vor dem Abpfiff erzielte Ramos das 1:1. In der Verlängerung besiegelten Gareth Bale, Marcelo und Ronaldo das Schicksal des armen "Atleti", wie die Fans ihren 123 Jahre alten Klub nennen.

Ich schreibe das, um deutlich zu machen, welch' überirdische Namen und Kräfte nötig sind, um Simeone den Henkelpott zu entreißen.

Jetzt will er das Finale zum dritten Mal erreichen. Egal, wie der Gegner auf dem Weg dorthin heißt, erst Arsenal und gegebenenfalls dann PSG oder FC Bayern – man wird sich auf einiges gefasst machen müssen.


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