Niklas Süle hört auf: Ein Kopfschütteln in Hoffenheim beendete seine Karriere endgültig

Nicht die Diagnose, sondern der Moment in der Kabine hat entschieden. Mit 30 zieht ein Innenverteidiger die Grenze, die der Körper gesetzt hat.

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Niklas Süle hört auf: Ein Kopfschütteln in Hoffenheim beendete seine Karriere endgültig
IMAGO/Eibner

Niklas Süle hört auf, und die Nachricht hat etwas, das man in den Karrieredaten allein nicht findet. Ein Innenverteidiger, der 299 Bundesligaspiele gesammelt hat, der 49 Mal für Deutschland auflief, der das Trikot des FC Bayern und das von Borussia Dortmund getragen hat – und der mit 30 Jahren im Podcast „Spielmacher" von 360Media ankündigt, im Sommer Schluss zu machen. Der Vertrag beim BVB läuft am 30. Juni aus, verlängert wird nichts. Es ist ein Abschied, der nicht aus einer sportlichen Planung kommt, sondern aus einer Kabine in Hoffenheim.

Dort, bei seinem Ex-Klub TSG, hat sich Mitte April vieles entschieden, was an diesem Karriereende hängt. Süle verletzte sich beim 1:2 am Knie, und was er in den Minuten danach schildert, ist ungewöhnlich offen für einen Profi seiner Generation. „Was ich empfunden habe, als unser Doc in der Kabine in Hoffenheim den Schubladentest gemacht hat, den Physio anschaute und den Kopf schüttelte, der Physio es ebenfalls gemacht hat und auch keinen Anschlag gemerkt hat, da bin ich in die Dusche und habe zehn Minuten geweint", sagt er. Die Angst vor einem dritten Kreuzbandriss, so erzählt er es, habe ihn stark belastet. Dass das MRT später Entwarnung gab, änderte am Entschluss nichts mehr: Für ihn sei „zu tausend Prozent klar" gewesen, „dass es vorbei ist".

Das ist bemerkenswert, weil Süle damit einen Schritt beschreibt, der sich nicht an der Prognose der Ärzte orientiert, sondern an dem Moment, in dem er zwei erfahrene Männer im Behandlungsraum den Kopf schütteln sah. Wer zweimal ein Kreuzband verloren hat, der weiß, wie lang so ein Weg zurück ist. Und wer weiß, wie lang er ist, der rechnet irgendwann anders. Der Gedanke an das Ende, sagt Süle, habe ihn ohnehin länger begleitet. Die Szene in der Kabine hat ihn nur beschleunigt.

Wenn man den Bogen seiner Laufbahn nachzieht, bleibt ein Spieler übrig, der lange zur ersten Reihe gehörte. 299 Bundesligaspiele sind kein Zufallswert, 49 Länderspiele auch nicht. Nach dem Wechsel von München nach Dortmund im Sommer 2022 kamen beim BVB 109 Pflichtspiele und drei Tore hinzu, dazu zwei Saisons, die Süle bis heute erkennbar prägen. Die erste davon endete mit einer Beinahe-Meisterschaft, die er selbst als einen der „krassesten Momente" bezeichnet, den er überhaupt hatte, konkret bezogen auf den letzten Spieltag der Saison 2022/23 vor dem Spiel gegen Mainz. In seiner zweiten Dortmunder Spielzeit folgte das Champions-League-Finale.

Das ist die nüchterne Bilanz eines Spielers, der in einer Kabine einen Entschluss fasst, den er bis zum Sommer trägt. Keine Abschiedstournee, kein strategisches Ende, kein später Wechsel in eine weichere Liga. Süle hört auf, weil der Körper zweimal zu oft eine Grenze gezogen hat und die Aussicht, ein drittes Mal dort anzukommen, zu schwer wiegt. Dass ein 30-Jähriger diesen Schritt so klar formuliert, ist ungewöhnlich – und ehrlicher, als es viele Karriereenden in diesem Geschäft sind. Der BVB verliert am 30. Juni einen Innenverteidiger. Der deutsche Fußball verliert einen, der lange dazugehörte.