Nagelsmanns Wort auf dem Prüfstand: Was zählt eine Zusage noch?

Kehrt Neuer zur WM zurück, kassiert der Bundestrainer im Stillen sein Versprechen an Baumann ein. Der Schaden wäre größer als jeder Torwartwechsel.

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Nagelsmanns Wort auf dem Prüfstand: Was zählt eine Zusage noch?
IMAGO/Jan Huebner

Wenn die Sky-Information stimmt, dann steht der DFB vor einer Personalentscheidung, die mehr ist als ein Torwartwechsel. Manuel Neuer, im Sommer 2024 nach dem Viertelfinal-Aus gegen Spanien aus der Nationalmannschaft zurückgetreten, soll am kommenden Donnerstag von Julian Nagelsmann für die Weltmeisterschaft nominiert werden - behauptet Sky. Darauf hätte sich Neuer mit Nagelsmann und Sportdirektor Rudi Völler verständigt. In Vorbereitung darauf habe es zuletzt mehrere Treffen gegeben.

Der DFB schweigt dazu auf Anfrage, der Bundestrainer wich im ZDF-Sportstudio am Samstagabend aus und verwies auf den Donnerstag-Termin. Kehrt Neuer zurück? Nichts Genaues weiß man nicht. Nagelsmann machte bei Moderator Jochen Breyer lieber Kindergarten-Späße als Klartext reden.

Die Geschichte hat zwei Anfänge. Den ersten markiert das Aus bei der Heim-EM, das Neuer und Nagelsmann anschließend immer wieder als Endpunkt benannt haben. Den zweiten setzt der Freitag dieser Woche, an dem Neuer seinen Münchner Vertrag bis 2027 verlängerte. Wer mit 40 noch in München verlängert, hat offenkundig nicht vor, im Hintergrund leiser zu werden — und wer in den Wochen davor laut Sky mehrfach mit dem Bundestrainer und dem Sportdirektor zusammensitzt, plant den Schritt zurück, bevor er offiziell wird.

Das Problem ist nicht, dass ein Torwart in Topform für die WM in Frage kommt. Das Problem ist die Choreografie. Nach dem 5:1 gegen den 1. FC Köln, in dem Neuer mit Wadenproblemen ausgewechselt werden musste, sagte er auf die Frage nach der Rückkehr: „Für mich ist das heute kein Thema. Heute feiern wir die Meisterschaft, nächste Woche haben wir noch eine ganz wichtige Aufgabe im Pokal." Mit Nagelsmann habe er „das gesamte Jahr über" immer wieder Kontakt gehabt. Diese Antwort ist kein Dementi, sondern eine Tür, die offen gelassen wird, während andere schon hindurchgehen.

Die andere Tür hat Nagelsmann eigentlich selbst zugemacht — zumindest gegenüber Oliver Baumann. Der Bundestrainer hatte zuletzt mehrfach betont, dass Baumann nach der Verletzung von Marc-André ter Stegen seine Nummer eins sei. Der Hoffenheimer hat das Vertrauen angenommen und nach dem 0:4 in Mönchengladbach bei Sky gesagt: „Ich gehe sehr selbstbewusst in die Vorbereitung und dann in die WM. Er hat mir das Vertrauen ausgesprochen. Punkt." Er habe seine Infos „von meinem Gespräch mit Julian", einem Vier-Augen-Gespräch. Wer so spricht, hat eine Zusage erhalten, die er für belastbar hält.

Genau hier entsteht der Schaden, falls die Sky-Information sich bestätigt. Eine Hierarchie, die in Vier-Augen-Gesprächen vergeben und in Sky-Eilmeldungen wieder einkassiert wird, beschädigt das Wort des Bundestrainers — und zwar gegenüber jenem Spieler, der sich nichts zu schulden kommen ließ. Es geht weniger darum, ob Neuer oder Baumann der bessere Torwart ist; es geht darum, was eine Zusage des Bundestrainers wert ist, wenn ein Rücktritt im Stillen einkassiert wird, ein Stammplatz im Stillen vergeben und ein zweiter im Stillen wieder genommen werden kann.

Nagelsmann hat an diesem Donnerstag zwei Aufgaben. Die kleinere ist die Nominierung. Die größere ist die Erklärung, was seine „Nummer eins"-Zusage für Baumann wert ist.