Nagelsmann und der Anruf, der bei Hoffenheim nachhallt
Schickers leise Kritik trifft den Bundestrainer härter als jeder laute Verriss. Es geht nicht um die Entscheidung, sondern um den Stil dahinter.
Die TSG Hoffenheim macht aus ihrer Verärgerung kein Geheimnis. Sport-Geschäftsführer Andreas Schicker hat ein Statement veröffentlicht, das in seiner zurückhaltenden Formulierung deutlicher ist als jede laute Beschwerde. „Am Ende ist es selbstverständlich die Entscheidung des Bundestrainers, wen er nominiert beziehungsweise aufstellt", räumt Schicker ein, schiebt dann aber nach: „Was die Kommunikation und den Stil betrifft, kann sich jeder selbst ein Urteil bilden." Dazu ein Foto, das Schicker Arm in Arm mit Oliver Baumann zeigt. Eine Bildregie, die nichts dem Zufall überlässt.
Worum es geht: Julian Nagelsmann hat den 35-jährigen Baumann für die WM in den USA, Mexiko und Kanada degradiert und holt stattdessen Manuel Neuer zurück, der fünf Jahre älter ist. Ursprünglich war der Plan, mit Baumann als Nummer eins ins Turnier zu gehen. Nun also die Rolle rückwärts, kommuniziert per Telefonat. Nagelsmann hat Baumann angerufen und ihm das Comeback Neuers mitgeteilt. So weit, so nüchtern in der Faktenlage – und doch ist genau dieses Telefonat der Kern des Hoffenheimer Unmuts.
Denn man kann eine sportliche Entscheidung treffen und sie trotzdem schlecht überbringen. Schickers Statement zielt nicht auf das Was, sondern auf das Wie. Niemand bei der TSG bestreitet, dass der Bundestrainer entscheidet, wer ins WM-Aufgebot gehört. Aber die Art, in der ein Profi, der monatelang als designierte Nummer eins gehandelt wurde, von dieser Rolle abgezogen wird, ist eben auch eine Frage der Behandlung. „Kommunikation und Stil" – diese beiden Wörter wiegen schwer, weil sie nicht den Trainer als Fachmann angreifen, sondern als Vorgesetzten.
Dass die TSG den Streit nicht im Hinterzimmer führt, sondern öffentlich, hat Methode. Auf Instagram veröffentlichten die Hoffenheimer einen Beitrag mit Baumanns besten Paraden. „Es gibt nur 1 Oliver Baumann. Wir drücken Dir die Daumen, Oli", schrieb der Verein dazu und garnierte die Botschaft mit blauen und weißen Herzen. Das ist Solidarität als Inszenierung, und sie funktioniert. Baumann steht nicht allein da, sein Klub legt sich für ihn ins Zeug, und das Foto mit Schicker macht aus dem Torwart kein Opfer, sondern einen, dem man den Rücken stärkt.
Es ist die seltene Situation, in der ein Bundesligist offen Kritik am Bundestrainer übt, ohne ins Schrille zu kippen. Schicker formuliert kontrolliert, fast diplomatisch – und gerade deshalb hört man genau hin. Ein lauter Verriss wäre leichter zu ignorieren gewesen. Der dosierte Hinweis auf Kommunikationsmängel hingegen bleibt hängen, weil er sich an einem Punkt festmacht, den Nagelsmann nicht wegerklären kann: Ein Telefonat ist eben nur ein Telefonat.
Das alles geschieht vor dem Hintergrund, dass Julian Nagelsmann ja selbst ein Kind der TSG ist. Der Verein hat ihm, dem Jungspund, damals das Bundesliga-Debüt ermöglicht und eine besondere Beziehung zum späteren Bundestrainer für sich reklamiert. In Hoffenheim begann Nagelsmanns Karriere, bevor er die großen Bühnen in Leipzig, München und beim DFB betrat. Darum wiegt die Kritik aus der ehemaligen Heimat doppelt. Nagelsmann kann das ignorieren. Oder auch darüber nachdenken, dass man nicht vergessen sollte, wo man herkommt und was das bedeutet.