Nachwuchsfußball zwischen Reform und Rechthaberei

Moderne Ausbildungskonzepte sind da – doch viele Vereine scheitern nicht am Wissen, sondern an Strukturen, Erwartungen und alten Reflexen.

Nachwuchsfußball zwischen Reform und Rechthaberei
Foto: (Augustin-Foto) Jonas Augustin / Unsplash

Denkfabrik Nachwuchsfußball – so heißen zwei lesenswerte Bücher von Leo-Jonathan Teßmann und Gora Sen, zwei ausgewiesenen Experten auf diesem Gebiet. Für ihre Veröffentlichungen sprachen sie mit Fachleuten wie Christian Streich, Ewald Lienen und vielen anderen.

Zur Denkfabrik gehört auch ein Video-Podcast. Kürzlich erschien eine Folge mit Thomas Broich. Nach seiner erfolgreichen Spielerkarriere arbeitete er im Nachwuchs von Eintracht Frankfurt und Hertha BSC, zuletzt wechselte er als Nachwuchsleiter zu Borussia Dortmund. Eine Vita, die eigentlich für sich spricht.

Doch was sind schon solche Kompetenzen gegen die persönlichen Gewissheiten mancher selbsternannter Oberexperten im Amateurfußball?

Scheinbar haben viele von ihnen den Podcast gehört – obwohl sie sich für Verbesserungen im Jugendfußball offensichtlich gar nicht interessieren. Man fragt sich, warum sie sich den Talk überhaupt angeschaut haben. Vermutlich, um hinterher pöbeln zu können.

Leo veröffentlichte einige Kommentare, die bei Instagram die „hohe Kompetenz“ mancher Zuhörer dokumentieren. Kostproben?

➡️ „Es ist schon schlimm genug, dass irgendwelche Herren vom DFB Funino erfunden haben. Jetzt wollen Sie uns auch noch die Tabellen nehmen.“
➡️ „Thomas Broich kannste getrost mit Hannes Wolf und Sandro Wagner in einen Käfigbolzplatz einsperren.“
➡️ „Zu viele Kopfbälle in der Karriere – was ein geistiger Dünnschiss.“

Es fehlt eigentlich nur noch der Klassiker: „Früher war alles besser!“

Warum weigert man sich in Deutschland, Fortschritt zuzulassen?

Früher klangen Traineranweisungen etwa so: „Der Neuner ist der gefährlichste Mann. Du bleibst 90 Minuten an ihm dran. Und wenn er aufs Klo geht, gehst du mit!“
Ich erinnere mich an Trainingseinheiten aus den 60er- und 70er-Jahren, die heute wohl als Körperverletzung durchgingen: Torwarttraining in der Weitsprunggrube mit Medizinbällen, stumpfes Konditionsbolzen bis zum Brechreiz, wassergetränkte Bälle in Erwachsenengröße – auch für Kinder.

Woher kommt diese Ignoranz? Diese Weigerung, Fortschritt zuzulassen?

Im Fußball gibt es – diplomatisch formuliert – ein wertkonservatives Klientel. Man erinnert sich gern an vergangene Glanzleistungen, vergisst dabei aber, wie viel Glück oft im Spiel war. Weniger erfolgreiche Partien werden ausgeblendet. Und kaum jemand denkt noch darüber nach, dass viele Kinder im Training und Spiel vor allem eines taten: stehen.

Die Devise lautete häufig: Gebt dem oder den Besten möglichst oft den Ball, damit dieser schnell ins gegnerischen Tor geschossen wird. Über biologisches Alter oder die Vorteile einer vielseitigen Ausbildung machte sich kaum jemand Gedanken.

Heute sind wir weiter – zum Vorteil der Kinder und Jugendlichen. Viele gut ausgebildete Trainer wissen mehr als früher. Niemand wird ernsthaft behaupten, dass mehr Ballkontakte im Training schlecht seien. Und doch stoßen die vom DFB und vielen Experten angestoßenen Reformen wie die gar nicht mehr so neue Kinderfußball-Reform Funino  (3 gegen 3 oder 4 gegen 4 auf zwei Tore) vielerorts auf Widerstand. Nicht zuletzt, weil sie durch die Erwachsenenbrille betrachtet werden.

Wenn Erwachsene meinen, für die Kinder mitdenken zu müssen

Papa will am Ende nach Spielregeln der Männerteams drei Punkte sehen – unabhängig davon, ob Tabellen im Kleinfeldbereich überhaupt sinnvoll sind. Und wenn Papa das will, will es der Sohn angeblich auch. Oder die vielen Trainer, die abends im Vereinsheim mit drei Punkten prahlen wollen. Dafür nehmen sie geringe Einsatzzeiten vermeintlich schwächerer Spieler in Kauf – und ignorieren aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse.

Der DFB setzt vor allem auf Trainerausbildung. Das greift jedoch zu kurz. Mindestens ebenso wichtig sind stabile Jugendleitungen in den Vereinen, die Reformen flächendeckend umsetzen. Doch immer weniger Menschen wollen diese Aufgabe übernehmen. Wer sie schon einmal hatte, weiß warum. Die allgemeinen Anforderungen steigen, die Ansprüche von Eltern und Mitgliedern sowieso. Jugendleiter müssen damit rechnen, noch nach 22 Uhr von Vätern angerufen zu werden, die mehr Einsatzzeit für ihren Sohn fordern – oder gleich die Entlassung des Trainers.

Ich habe gemeinsam mit meinem Freund Werner – heute mit mir verantwortlicher Vorstand - vor Jahren ein abstiegsbedrohtes Team sehr begabter 11-jähriger übernommen. Den völlig übermotivierten Eltern teilte ich mit: „Ich brauche nur eure Kinder, euch brauche ich nicht. Sollte einer im Training oder Spiel reinrufen oder gar Anweisungen geben, bekommt ihr den Spielerpass und erklärt euren Jungs, warum sie nicht mehr mitspielen dürfen. Ich werde das nicht tun.“ Die Jungs holten aus den letzten vier Spielen zehn Punkte. Nicht, weil ich ihnen viel beigebracht hatte, sondern weil sie endlich frei aufspielen konnten. Sie wurden vor ihren Eltern beschützt.

Ohne starke Jugendleitungen gibt es kein Vorankommen

Wenn jedoch niemand darauf achtet, dass die Ausbildung im Verein zeitgemäß erfolgt oder die Eltern Regeln einhalten, entsteht Wildwuchs. Kaum ein Klub leistet sich hauptamtliche Jugendleitungen – darüber sollte dringend nachgedacht werden. Neben einer Offensive für Trainer bräuchte es auch eine für Führungspositionen in den Jugendabteilungen.

Zwar wird der Mangel an Ehrenamtlichen inzwischen offen eingeräumt, doch überzeugende Lösungen sind rar.

Bei Workshops zur Stärkung des Ehrenamts staunten meine Kollegin Susanne Amar und ich nicht schlecht über eine Idee aus Berlin-Lübars: Jugendtrainer Christian „übersetzt“ die wichtigsten Verbandserkenntnisse in kurze Videos und teilt sie in einer Handygruppe mit seinen Trainerkollegen. Plötzlich beschäftigen sich alle damit. Eine einfache, aber wirkungsvolle Idee – und durchaus nachahmenswert.

Auch in den Verbänden bewegt sich etwas. Die sogenannten Amtlichen Mitteilungen kommen schon seit einigen Jahren nicht mehr per Fax. Eine zeitgemäße Aufbereitung lässt an den meisten Stellen noch auf sich warten. Aber Kommunikation ist ein gesondertes Thema für eine andere Kolumne.