Matthäus zielt auf Nagelsmann: Wenn Sané schwächelt, kommt die nächste WM-Debatte
Der Rekord-Nationalspieler vermisst den Kölner Shootingstar im Kader und zweifelt am gesetzten Offensivmann. Eine Kritik mit Sprengkraft fürs Spiel gegen Curacao.
Lothar Matthäus hat sich bei „At Broski – Die Sport-Show" zu Wort gemeldet, und seine Kritik an Julian Nagelsmann ist deutlicher ausgefallen, als man es zuletzt von ihm gewohnt war. Der Rekord-Nationalspieler kann die Personalpolitik des Bundestrainers nicht nachvollziehen, und das hat einen Namen: Said El Mala. Den Kölner Shootingstar hätte Matthäus mitgenommen, und seine Begründung liest sich wie ein Empfehlungsschreiben aus dem Kölner Vereinsheim. „Top-Scorer, Unruhestifter, tolle Fähigkeiten, Schnelligkeit, robust, im Abschluss verbessert", sagte er. „El Mala war praktisch Kölns Lebensversicherung."
Damit ist die Debatte eröffnet, die in jeder Länderspielperiode neu geführt wird, nur diesmal bei einer WM mit einem prominenten Stichwortgeber: Form oder Fitness, Saisonleistung oder Trainingszustand, der Mut zum jungen Spieler oder die Sicherheit beim Eingespielten. Nagelsmann hat sich entschieden, und seine Entscheidung ist nachvollziehbar begründet. Für den verletzt abgereisten Lennart Karl rückte nicht El Mala nach, sondern der Leipziger Assan Ouédraogo. Der Bundestrainer verwies darauf, dass El Mala zweieinhalb Wochen nicht trainiert, nur Läufe absolviert habe, sein letztes Spiel datiere vom 16. Mai. Ouédraogo hingegen habe auf der Südafrika-Reise mit Leipzig noch am 29. Mai gespielt, er stehe im Saft und sei im Rhythmus.
Man kann den Konflikt also auf eine Frage zuspitzen: Wie viel Trainingsrückstand verträgt eine Nominierung, wenn die Saisonleistung dahinter spricht? Nagelsmann antwortet pragmatisch. Eine Reise nach Houston, ein WM-Auftakt am Sonntag gegen Curacao, dazu der Anspruch, dass jeder mitgenommene Spieler unmittelbar einsatzfähig ist – das ist die Logik des Trainers, der mit dem arbeiten muss, was im Juni übrig bleibt. Matthäus argumentiert aus der anderen Richtung. Wer eine Saison wie El Mala in Köln spielt, der hat sich einen Platz im Kader verdient, auch wenn die Vorbereitung ein paar Laufeinheiten kürzer ausgefallen ist. Beide Sichtweisen haben ihre Berechtigung, und keine löst das Dilemma auf, das jede Sommer-Nominierung mit sich bringt.
Spannender wird es da, wo Matthäus seine Kritik nicht auf einen Nicht-Nominierten zuspitzt, sondern auf einen, der spielen wird. Leroy Sané soll in Houston gemeinsam mit Florian Wirtz, Jamal Musiala und Kai Havertz die Offensive bilden, doch Matthäus hat seine Zweifel. „Wie er performt – einmal in sechs Spielen in der Nationalmannschaft, dazu ist er nicht Stammspieler in der Türkei. Das ist zu wenig für das, was er kann. Das tut mir weh", sagte er über den ehemaligen Münchner. Wer so über einen Stammspieler redet, der für den WM-Auftakt vorgesehen ist, der stellt mehr in Frage als nur eine Nachnominierung.
Bleibt die Frage, was diese Kritik für die kommenden Wochen bedeutet. Nagelsmann wird seinen Kurs verteidigen, weil er belastbar ist – die Fitness-Argumentation bei El Mala lässt sich nicht wegdiskutieren. Matthäus wiederum hat den Finger auf eine Stelle gelegt, die nicht so leicht heilt: Wenn Sané am Sonntag gegen Curacao nicht liefert, wird die Personaldebatte am Montag mit einem anderen Namen weitergehen. Der Kölner Shootingstar ist dann die naheliegende Antwort auf eine Frage, die niemand gestellt hat. Solche Debatten laufen selten zugunsten des Bundestrainers, der sie nicht selbst eröffnet.