Matthäus und die Gewissheit, die im Klassiker zerbricht
Der Rekordnationalspieler nimmt dem Duell am Samstag die Spannung, noch bevor der Ball rollt. Das ist bequem – und riskant.
„Ich habe keine Zweifel“ über den Sieger: Mit diesem Satz hat Lothar Matthäus den deutschen Klassiker für sich schon abgehakt, bevor er am Samstag um 18.30 Uhr überhaupt angepfiffen wird. Der Rekordnationalspieler und Sky-Experte sagt es bei einem Medientermin von RTL Deutschland so ruhig, als lese er ein Ergebnis vor, das längst feststeht.
Bayern München sei der „große Favorit“ in einem für ihn „fast ungleichen Duell“ mit Borussia Dortmund, „meilenweit entfernt“ und „in seiner eigenen Welt“. So redet einer, der die Hierarchie vor dem Anpfiff gießt. Und genau das macht sein Urteil gefährlich: Der Klassiker ist das eine Spiel im deutschen Fußball, in dem solche Gewissheiten reihenweise kippen können.
Matthäus baut seine Ansage ja nicht aus der Luft. Er führt die elf Tore an, die der VfB Stuttgart und RB Leipzig in dieser Saison zusammen gegen Bayern kassierten – eine Hausnummer, die „zeigt, wie stark Bayern München ist, wenn alle Freude und Lust haben“. Die Zahl liegt auf dem Tisch, die Form liegt auf dem Tisch, Matthäus muss sie nur noch einsammeln.
Dortmund spricht er die Mittel ab, nicht den Willen. Mit Guirassy stehe da ein „Torjäger“, aber „drumherum“ kein Olise, kein Díaz. Niko Kovac, dem BVB-Coach, fehle für Spektakelfußball „das Spielermaterial“. Und im Vergleich mit Barcelona, Bayern oder Paris Saint-Germain fehle auch „das nötige Kleingeld“. Matthäus nimmt Kovac in Schutz, nennt ihn den „absolut richtigen Trainer“ – und zieht ihm im selben Atemzug den Boden unter den Füßen weg, indem er die Mannschaft, die er trainiert, für zu schwach erklärt.
Das Problem an dieser Rechnung ist, dass sie den Klassiker behandelt wie ein Ligaspiel unter vielen. Stuttgart und Leipzig sind nicht Dortmund, und keines der beiden Spiele war ein Klassiker. Matthäus selbst liefert den Riss im eigenen Befund: Bayern sei stark, „wenn alle Freude und Lust haben“. Freude und Lust sind keine Konstanten, schon gar nicht in einem Spiel, das seine eigene Schwerkraft hat.
Und Matthäus lobt Dortmund dort, wo es im Klassiker zählt. Die Defensivleistung sei zu „loben“, die Borussia sei „bereit für dieses Duell“ und spiele vor allem „erfolgreich, das steht über allem“. Dortmund stehe „für Malochen“. Eine Mannschaft, die hinten dichthält und malocht, ist die unbequemste Gegnerin für einen, der gekommen ist, um fünf Tore zu schießen. Das weiß Matthäus, er spricht es nur nicht zu Ende.
Die elf Gegentore von Stuttgart und Leipzig geben ihm recht, und seine Favoritenansage ist eher nüchterne Buchführung als Provokation. Nur misst er damit die falsche Spielgattung. Ein Favorit ist einer, der gewinnen sollte – nicht einer, der schon gewonnen hat. Zwischen diesen beiden steht der Anpfiff, und im Klassiker war dieser Abstand selten so klein, wie er aus der Ferne eines Medientermins aussieht.
Wer vorab „keine Zweifel“ ausruft, nimmt dem Spiel das Einzige, was es seit jeher trägt: dass es gerade hier anders kommen kann.