Mainz 05 fehlt noch ein Stück für Europa – Urs Fischer benennt das Problem ehrlich

Das 0:4 in Straßburg zeigt: Mainz hat Stabilität gewonnen, aber noch kein europäisches Selbstverständnis. Die Arbeit beginnt jetzt.

Mainz 05 fehlt noch ein Stück für Europa – Urs Fischer benennt das Problem ehrlich
IMAGO/Jan Huebner

Vier Tore, null Antworten, eine Mannschaft, die sich nicht traute. So fasste Urs Fischer das Viertelfinal-Aus seiner Mainzer in Straßburg zusammen – und traf damit einen Nerv, der über diesen einen Abend hinausreicht. Das 0:4 im Rückspiel nach einem 2:0 aus dem Hinspiel war kein Betriebsunfall. Es war eine Offenbarung: Mainz 05 hat in dieser Saison vieles richtig gemacht, aber den Sprung von der sympathischen Überraschung zur Mannschaft mit europäischem Selbstverständnis noch nicht geschafft.

Man muss sich die Chronologie vor Augen führen. Kaishu Sano und Stefan Posch hatten im Hinspiel vor 32.000 Zuschauern im eigenen Stadion für ein komfortables Polster gesorgt. Zwei Tore Vorsprung, das Halbfinale zum Greifen nah. Doch was im Elsass folgte, hatte mit kontrollierter Auswärtsarbeit eines Europapokalteilnehmers nichts zu tun. Schon nach 35 Minuten stand es 2:0 für Straßburg – Nanasi und Ouattara hatten den Rückstand pulverisiert. Daniel Batz parierte in der 65. Minute noch einen Elfmeter von Emegha, hielt seine Mannschaft im Spiel. Doch Enciso und Emegha machten wenig später alles klar. Am Ende hallte es von den Rängen hämisch „Auf Wiedersehen". Was für ein Bild.

Fischer fand Worte, die man von Bundesliga-Trainern selten hört: „Wir waren wirklich überfordert. Die haben uns aufgefressen. Wir hatten keine Antwort über 90 Minuten." Und weiter: „Es war unterirdisch. Wir haben uns nicht getraut, den Ball laufen zu lassen. Dafür braucht es Mut, den hatten wir nicht." Das ist keine Floskel, das ist eine Diagnose. Überfordert, nicht getraut, kein Mut – das beschreibt nicht ein taktisches Problem, sondern ein mentales. Fischer weiß das. Und er benennt es, statt sich hinter taktischen Erklärungen zu verstecken. Das verdient Respekt, nicht Mitleid.

Christian Heidel versuchte den Abend einzuordnen, wie Sportvorstände es tun: „Wir haben gegen die wahrscheinlich beste Mannschaft im Wettbewerb verloren." Mag sein. Aber wer im Viertelfinale steht, darf sich hinterher nicht damit trösten, dass der Gegner eben besser war. Ein Conference-League-Viertelfinalplatz ist eine Bühne, auf der man bestehen will – nicht eine, von der man sich entschuldigt. Und die Rangeleien der FSV-Profis mit Straßburger Spielern vor dem eigenen Fanblock nach Abpfiff zeigten, dass die Mannschaft emotional implodierte, statt die Niederlage professionell zu verarbeiten.

Was diese Saison für Mainz trotzdem bemerkenswert macht: Fischer hat Mainz stabilisiert, ihm eine Identität gegeben. Aber Stabilität in der Bundesliga und Reife im Europapokal – das sind zwei verschiedene Währungen. Das 0:4 von Straßburg war kein Scheitern einer Saison, sondern das ehrliche Bild einer Entwicklung, die noch nicht abgeschlossen ist. Fischer hat das in einem Satz gesagt, der nachwirkt: Dafür braucht es Mut. Den hatte seine Mannschaft nicht – und genau da beginnt die Arbeit für nächstes Jahr.