Kolumbiens gelbes Hemd: Wenn ein Trikot zur Wahlkampfwaffe wird

Ein Anwalt vereinnahmt das Nationalsymbol, ein Richter greift ein. Doch vier Tage nach dem WM-Auftakt entscheidet die Stichwahl, was wirklich bleibt.

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Kolumbiens gelbes Hemd: Wenn ein Trikot zur Wahlkampfwaffe wird
IMAGO/Anadolu Agency

Ein Trikot ist ein Stück Stoff. In Kolumbien ist es derzeit mehr: Streitobjekt, Wahlkampfrequisite, Gerichtsentscheidung. Wenn Luis Díaz und seine Mitspieler am Donnerstag um 4 Uhr MESZ in Mexiko-Stadt gegen Usbekistan in die Fußball-WM starten, tragen sie das gelbe Hemd voller Stolz, wie es die Selección immer getan hat. Aber im Hintergrund läuft eine Debatte, die längst nicht mehr nur sportlich ist und die womöglich sogar die Präsidentschaftswahl mitentscheidet.

Der Anlass ist ein einzelner Mann mit einem Spitznamen, den er selbst gewählt hat. Abelardo de la Espriella, „El tigre", rechtsgerichtet, Trump-nah, Anwalt und Millionär, trug das Trikot der Cafeteros immer wieder bei Veranstaltungen. Aus dem Kleidungsstück wurde ein Kampagnen-Symbol, seine Anhänger erschienen scharenweise im gelben Hemd zu Kundgebungen, manche sogar mit aufgedrucktem Tiger, dem Logo seiner Bewegung. Der Sportanthropologe David Quitian beschreibt das Manöver nüchtern: De la Espriella versuche, „sportliche Leidenschaft und politische Leidenschaft" zu vermischen. Genau das ist der Punkt, an dem ein Trikot aufhört, neutral zu sein.

Sein linker Gegenkandidat Ivan Cepeda hat dem Anwalt deshalb vorgeworfen, das Trikot zu „stehlen". Cepeda zieht eine Linie nach Brasilien: So habe es der frühere rechtsextreme Präsident Jair Bolsonaro mit dem Trikot seines eigenen Landes gehalten. Der Vergleich ist hart, aber er trifft ein Muster, das man inzwischen aus mehreren Ländern kennt: Wer die Nationalmannschaft besetzt, der besetzt ein Stück nationaler Erzählung mit. Wer dagegenhält, gilt schnell als Spielverderber. Genau diese Asymmetrie macht den Streit so unbequem.

Bemerkenswert ist, dass diesmal die Justiz eingriff. Ein Richter in Bogotá ordnete kurz vor Turnierbeginn die „sofortige und endgültige Einstellung" der politischen Nutzung des Trikots an. Damit ist die Frage, ob ein Wahlkampfteam ein Nationalsymbol für sich reklamieren darf, juristisch beantwortet, zumindest vorerst. Politisch wird sie das nicht beruhigen, denn vier Tage nach dem WM-Auftakt findet die Stichwahl statt. Der Zeitplan ist eng, die Reizlage groß.

Auch Kolumbiens Fußballverband hat sich positioniert und gefordert, das Nationalteam aus den politischen Debatten herauszuhalten. Der Wunsch dahinter: Über soziale Schichten, politische Einstellungen und Religionen hinweg sollen sich die Menschen hinter den Farben vereinen. Ein Trikot als Symbol der Einheit, nicht als Teil der Polarisierung. Das klingt naiv und ist es teilweise auch, weil ein Verband nicht kontrollieren kann, wer sein Hemd in welcher Geste hochhält. Aber es ist die einzig mögliche Position, wenn man Fußball nicht zur Kulisse machen will.

Der Konflikt wirkt wie ein Lehrstück darüber, wie verletzlich Symbole sind, die alle gemeinsam tragen sollen. Sie funktionieren genau so lange, wie niemand sie exklusiv für sich beansprucht. Sobald jemand das tut, ist das Vereinende beschädigt, selbst wenn ein Gericht es zurückholt. In Bogotá, Medellín und Barranquilla wird man am Donnerstag früh ein Spiel sehen, in dem es um Tore geht. Was danach kommt, ist eine andere Partie, und die wird nicht in Mexiko-Stadt entschieden, sondern an den Wahlurnen vier Tage später.