Klopp muss mehr gewinnen als nur Fußballspiele

Der neue Bundestrainer will die Begeisterung ins Land zurückbringen. Wichtig wird sein, ob der DFB endlich auch den Menschen an der Basis zuhört, kommentiert Gerd Thomas.

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Klopp muss mehr gewinnen als nur Fußballspiele
Noch laufen sie an der Hand der Großen, aber die Kinder an der Basis sind die Zukunft des deutschen Fußballs. Foto. Gerd Thomas

Samstagmorgen, kurz vor halb neun. Zwei Jugendtrainer tragen die Minitore auf den Platz. Der Platzwart ist schon zwei Stunden vor Ort, hat schon die Linien gezogen. Im Vereinsheim wird noch schnell Kaffee gekocht, während der Jugendleiter verzweifelt versucht, einen Ersatz-Schiedsrichter für das wichtige Spiel der D-Jugend zu organisieren. Wenig später hört man aufgeregte Eltern, deren Kinder leidenschaftlich dem Ball hinterherlaufen.

Wer weiß, vielleicht ist ein späterer Profi oder gar Nationalspieler dabei. Der ohne die genannten Personen nicht angefangen hätte, Fußball zu spielen.

Wir befinden uns nicht in einem der Nachwuchsleistungszentren der Bundeligisten, schon gar nicht auf dem schnieken DFB-Campus. Sondern auf einem von zehntausenden Sportplätzen zwischen Flensburg und Berchtesgaden, zwischen Düren und Gotha, wo Woche für Woche Ehrenamtliche dafür sorgen, dass Fußball überhaupt stattfinden kann.

Seit Freitag ist Jürgen Klopp da. Nach dem enttäuschenden WM-Aus soll er die Nationalmannschaft zurück in die Erfolgsspur führen. Der DFB hat seinen größten Trumpf gezogen. Der große Hoffnungsträger begann seine Pressekonferenz aber nicht mit Fußball, sondern mit einer unnötig scharfen Kritik an den Medien, die er während der WM mit seinen Bemerkungen zu seinem Vorgänger Julian Nagelsmann selbst befeuert hat.  Wobei die deutschen Sportjournalisten und Experten deutlich milder urteilen als ihre Kollegen in England oder Spanien.

Viele Fans und Amateurvereine haben sich vom DFB abgewendet

Im September soll der neue Bundestrainer erstmals liefern. Doch Klopps wichtigste Aufgabe beginnt nicht erst beim ersten Länderspiel. Wenn er klug agiert, beginnt sie auf den Sportplätzen der Republik. Denn da war die Stimmung rund um die Nationalmannschaft selten schlechter. Viele Fans haben sich abgewendet.

Noch gravierender ist die Stimmung an der Vereinsbasis, wo vielerorts längst Gleichgültigkeit eingezogen ist. Viele Public Viewings wurden abgesagt und somit den Vereinen wichtige Einnahmen entzogen. Noch schlimmer: In den Amateurvereinen wächst seit Jahren das Gefühl, dass der DFB zwar gerne von der "Fußballfamilie" spricht, sie aber nicht wirklich einbinden will.

Dabei lebt der deutsche Fußball genau von dieser Gemeinschaft. Die Nationalmannschaft braucht die Amateurvereine genauso dringend, wie die Amateurvereine von einer erfolgreichen Nationalelf profitieren. Fußball ist keine Einbahnstraße. Er ist eine Solidargemeinschaft.

Mit Ausnahme von Manuel Neuer begann jeder Nationalspieler der jüngeren Geschichte seine Laufbahn auf irgendeinem kleinen Fußballplatz, in Mariadorf, Greifswald oder Woltmershausen. Dort stehen Ehrenamtliche bei Wind und Wetter auf dem Trainingsgelände. Dort organisieren Jugendleiter Spieltage, suchen Trainer, kämpfen mit Bürokratie.

Sie sorgen stets verlässlich dafür, Kindern quer durch die Milieus die Freude am Fußball zu vermitteln. In den mit Sportstätten dramatisch unterversorgten Ballungsräumen, werden Woche für Woche potenzielle Nachwuchskicker abgewiesen, weil kein Platz da ist. Welche Auswirkungen das hat, erzählte Schulleiter und "Vorbild des Jahres", Engin Çatık, jüngst im Hartplatzhelden-Podcast.

Menschen an der Basis fühlen sich oft alleingelassen.

Viele Vereine finden kaum noch Jugendleiter, auch in ländlichen Gebieten. Trainer und Vorstände fehlen. Ehrenamtliche brennen aus. Mannschaften müssen zusammengelegt oder sogar abgemeldet werden. Im Kinderfußball und im Zusammenspiel mit Schulen entscheidet sich aber, ob aus Begeisterung irgendwann Höchstleistung werden kann. Doch eine überforderte Basis produziert weniger Talente.

Vielleicht haben wir den deutschen Mbappé oder Cubarsi einfach weggeschickt.

Deshalb liegen Klopps Aufgaben bei weit mehr, als Pressing zu verordnen und bessere Ergebnisse einzufahren. Er muss gemeinsam mit seinem Stab den Amateurvereinen wieder das Gefühl geben, gebraucht zu werden, dass sie wieder Teil derselben Fußballfamilie sind.

Und zwar nicht nur als Kunden und Käufer der immer teureren Trikots, Fernseh-Abos oder Stadiontickets, sondern als gleichwertige Partner. Die Menschen an der Basis müssen spüren:

  • Wir sehen euch!
  • Wir brauchen euch!
  • Ohne euch gäbe es keine Nationalmannschaft!

Nicht nur die 18 Bundesligisten, sondern alle 24.000 Vereine gehören zum DFB. Diese Message hat der DFB unter der Führung von Klopps langjährigem Freund, dem Dortmunder Liga-Chef Aki Watzke, vollkommen aus dem Auge verloren. Sieben Millionen Euro für einen Bundestrainer sind für fast alle Ehrenamtlichen in den Vereinen eine unvorstellbare Summe. Wenn dann die von der Basis gewählten und sehr gut vergüteten Funktionäre Fotos vom FIFA-Kongress in Paraguay oder von Ehrentribünen bei Länderspielen posten, befeuert das auf den Amateurplätzen längst festgefahrene Vorurteile: "Ihr da oben - wir da unten!" Wie auch in der Politik wenden  die Leute sich ab. Oft mit fatalen Folgen.

Klopps größte Stärke ist, Menschen zu erreichen. Er kann Begeisterung entfachen. Er kann Nähe herstellen. Wenn er diese Fähigkeit nicht nur gegenüber Nationalspielern, sondern auch gegenüber den hunderttausenden Ehrenamtlichen zeigt, könnte daraus tatsächlich das im Land dringend benötigte „Wir-Gefühl“ entstehen. Vielleicht schafft er es sogar, in einer der nächsten Vorstandssitzungen beim DFB, den Funktionären klarzumachen, dass auch sie künftig deutlich mehr gefordert sind, den deutschen Fußball aus der Krise zu holen.

Denn dieser steckt trotz der vielen ausverkauften Bundesliga-Stadien in der Misere. Die Zeiten mit fünfhundert Zuschauern in der Kreis- oder Bezirksliga sind schon lange Geschichte. Selbst einige Regionalligisten im halbprofessionellen Bereich tun sich schwer mit solchen Zahlen.

Klopp weiß: Motivation entsteht durch Wertschätzung

Es braucht konkrete Unterstützung und viel mehr Leidenschaft vom DFB, um die Amateurbasis zu stabilisieren. Vereine erwarten bessere und erschwingliche Ausbildungsmöglichkeiten für Trainer, mehr Hilfe im Ehrenamt und weniger Bürokratie in ihrer täglichen Arbeit.

Wird Klopp sich an die Spitze der Bewegung setzen?

Wird er den Menschen das Gefühl vermitteln, dass er mehr sein kann als nur ein erfolgreicher Bundestrainer? Wobei der sportliche Erfolg auch bei ihm einmal ausbleiben kann. Dann wird auch seine Popularität schnell auf die Probe gestellt werden. Dann wird schnell über die hohen Gehälter diskutiert. Dann braucht er die Basis. Wenn die Amateurvereine hinter der Nationalmannschaft stehen, entsteht Rückhalt. Wenn die Entfremdung fortschreitet, wird jede Niederlage doppelt schwer wiegen.

Noch mehr als für den neuen Bundestrainer gilt das vor allem für die in den letzten Jahren erfolglosen und sehr gut entlohnten Top-Funktionäre Bernd Neuendorf und Hans-Joachim Watzke. Der allmächtige BVB-Boss lag mit Flick und Nagelsmann gleich zweimal böse (und teuer) daneben. Die Entscheidung für Jürgen Klopp und seinen üppigen Stab war möglicherweise die letzte große Chance, verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen. Scheitert auch dieses Projekt, wird über weit mehr als über den Bundestrainer diskutiert werden.

Bei Misserfolg wird der DFB auf den Prüfstand kommen

Dann wird das gesamte Konstrukt DFB auf den Prüfstand kommen. Dann wird aufgerechnet, was man mit den horrenden Summen für den Frankfurter Campus und für die gescheiterten Bundestrainer alles hätte machen können. Gründe für den Vertrauensverlust hat der Verband in den vergangenen Jahren mehr als genug geliefert. Der Ruf des DFB ist auf allen Ebenen stark ramponiert, woran alle bisherigen Protagonisten ihren Anteil haben.

Deshalb wäre es klug, wenn Klopps Reisen nicht nur zu den Nationalspielern führten, sondern auch dorthin, wo der deutsche Fußball tatsächlich beginnt: auf die Hartplätze, Kunstrasenfelder und in die Vereinsheime des Landes. Zu den Menschen, die dafür gesorgt haben, dass es Profis und Nationalspieler gibt, die ja nicht im NLZ von Dortmund oder München, sondern in Weinstadt, Kirchmöser oder Tudorf den Fußball für sich entdeckt haben.

Dort entscheidet sich nicht die nächste Weltmeisterschaft. Aber dort entscheidet sich, ob Deutschland auch in zehn oder zwanzig Jahren überhaupt noch genügend Kinder hat, die von einer Weltmeisterschaft träumen.