DFB muss Führung neu denken
Führung neu denken, Transparenz und Mitbestimmung sicherstellen! Damit der Fußball in ganzer Breite zukunftsfähig wird. Teil 2 der Einordnung von Gerd Thomas
Die Probleme des deutschen Fußballs liegen nicht allein beim DFB, doch die Defizite des Verbandes sind kein Zufall. Darüber schrieb ich gestern schon im ersten Teil. Sie sind das Ergebnis eines Systems, das sich seit Jahrzehnten kaum verändert hat und einen klaren Leitkompass vermissen lässt.
Philipp Lahm kritisierte die Gehälter von Bundestrainern als zu hoch und regt an, die Bezüge auf maximal 2 Millionen Euro pro Jahr zu begrenzen. Der Job sei eine Ehre und nicht mit den exorbitanten Summen im Vereinsfußball vergleichbar. In der FAZ forderte er zudem, der DFB müsse ein klares Leitbild für die Ausbildung entwickeln. Der DFB begreife sich aber nicht als Instanz, die eine Richtung vorgibt.

Die Hartplatzhelden, denen ich auch angehöre, verstehen sich als Stimme des Amateurfußballs. Sie äußerten in der letzten Woche starke Kritik an der Vorgehensweise des DFB und mahnen, die Bundestrainer-Debatte stehe beispielhaft für eine fatale Entwicklung. Bei dieser mache es den Anschein, dass der DFB als Dachverband des deutschen Fußballs regelmäßig die Interessen des Profifußballs über die Anliegen der mehr als 24.000 Amateurvereine stellt. Zitat: „Nach den vielen Misserfolgen braucht der neue Bundestrainer die Zustimmung der Basis mehr denn je, sonst wird der gewünschte Neuanfang noch schwieriger.“ In einer Kolumne bei Fever Pit‘ ch habe ich das Thema ebenfalls kommentiert.
Auch die Basis muss sich überprüfen
Doch auch in vielen Vereinen an der Basis dominieren noch immer klassische Führungsstrukturen: überwiegend männlich, überwiegend weiß und meist deutlich über 60 Jahre alt. Das ist keine Kritik am Alter einzelner Funktionäre, zumal ich mich selbst seit 15 Jahren in Gremien des Berliner Fußball-Verbandes engagiere. Problematisch wird es aber dort, wo immer dieselben Lebensläufe, Netzwerke und Denkweisen über die Zukunft des Fußballs entscheiden.
Mehr Vielfalt garantiert keine besseren Entscheidungen. Aber sie erhöht aber die Wahrscheinlichkeit, dass unterschiedliche Erfahrungen, Perspektiven und Kompetenzen in Entscheidungen einfließen. Genau daran mangelt es vielerorts.
Hinzu kommt ein Führungsverständnis, das im Fußball noch immer stark von Hierarchien geprägt ist. Wer kooperativ und kollektiv arbeitet, gilt schnell als zu weich. Tritt man laut mit klaren Ansagen auf, wird das häufig mit Führungsstärke gleichgesetzt. Kooperative Führung, wie sie in vielen Unternehmen längst selbstverständlich ist, wird im Fußball dagegen immer noch als Schwäche interpretiert.
Mehr Demokratie würde dem Fußball guttun
Dabei ließe sich das System durchaus verändern. Warum sollten die Aktiven in den Vereinen nicht stärker darüber entscheiden, wer den Fußball künftig vertritt? Statt Personalvorschläge überwiegend innerhalb bestehender Strukturen auszukungeln, könnten sich verschiedene Kandidatinnen und Kandidaten in einer Art Urwahl der Mitglieder um ein Mandat bewerben.
Eine Urwahl ist eine demokratische Abstimmung, bei der die Wahlberechtigten (z. B. alle Aktiven ab 16 Jahre) selbst und ohne den Umweg über Vertreter (wie Delegierte) direkt über Personen abstimmen. Alternativ könnte man jedem Team im Spielbetrieb eine Stimme geben. Bestimmt gäbe es noch viele andere Vorschläge, z. B. zu Gewichtungen oder Berücksichtigung aller Gruppen. Das Procedere sollte mit Fachleuten für demokratische Prozesse diskutiert werden, die dem organisierten Sport sicher wertvolle Hinweise zur Zukunftsfähigkeit geben könnten.
Die dann gewählten Personen könnten anschließend aus ihrer Mitte das Präsidium und die wichtigsten Führungspositionen bestimmen.
Zu kompliziert? Eher das Gegenteil.
Wer Verantwortung übernehmen möchte, müsste sich dem Wahlvolk vorstellen, Positionen beziehen und erklären, welche Ziele verfolgt werden und mit wem eine Zusammenarbeit angestrebt wird. Der Amateurfußball und auch die aktiven Fans bekämen eine Aufmerksamkeit, die heute oft fehlt. Die Angst, die Anhänger der Proficlubs würden dominieren, halte ich für übertrieben. Die Fans wissen oft sehr genau, was für die Entwicklung des Fußballs und damit ihrer Vereine gut wäre.
Die entscheidenden Fragen wären plötzlich öffentlich.
- Wer hat die überzeugendsten Ideen?
- Welche Prioritäten setzt der deutsche Fußball?
- Wer steht für welche Form der Führung?
Genau diese Debatten fehlen heute.
Damit nicht einzelne Regionen oder Interessengruppen dominieren, ließen sich Quoten oder andere demokratische Sicherungen einführen. Vielfalt wäre dann kein wohlklingendes Leitbild mehr, sondern Bestandteil des Wahlsystems.
Natürlich wirkt ein solcher Vorschlag aus heutiger Sicht ambitioniert. Doch der deutsche Fußball braucht den Mut, über neue Modelle nachzudenken.
Wer setzt sich an die Spitze der Bewegung
Die Diskussion um den Bundestrainer zeigt einmal mehr, wie viel Energie in reine Personalfragen fließt. Die eigentlichen Ursachen vieler Probleme geraten dabei aus dem Blick: veraltete Strukturen, geschlossene Machtzirkel und fehlender Wettbewerb um Führungsämter.
Wer diese Strukturen nicht verändern will, wird Personalentscheidungen auch künftig überhöhen und Reformen für nicht nötig erachten. Als der auch von Watzke präferierte Julian Nagelsmann vor der Weltmeisterschaft vollmundig den Titel als Ziel ausgab, widersprach ihm im DFB öffentlich niemand. Die Funktionäre scheinen schnell zufrieden zu sein und auch Illusorisches für denkbar halten.
Also kann doch auch eine demokratischere und vielfältigere Verbandsstruktur als machbar erachtet werden!
Wenn der deutsche Fußball den Anspruch hat, sich sportlich zu erneuern, sollte er den Mut haben, auch seine Führung neu zu denken.
Bleibt die Frage: Wer setzt sich an die Spitze der Bewegung?
Teil 1 der Einordnung ist gestern auf Fever Pit’ch erschienen und hier nachzulesen.
