Klopp, Müller, Hummels - aber Tom Kaulitz als Fan-Experte zur WM: Das glaubt dir kein Mensch

MagentaTV institutionalisiert eine neue Kategorie neben dem Sportjournalismus. Ob das Format gewinnt oder Konturen verliert, zeigt sich in fünfeinhalb Wochen.

Teilen
Klopp, Müller, Hummels - aber Tom Kaulitz als Fan-Experte zur WM: Das glaubt dir kein Mensch
IMAGO/kolbert-press

Es gibt Personalien, bei denen man zweimal hinschauen muss, ob man die richtige Pressemitteilung vor sich hat. MagentaTV verkündet am Mittwoch, dass Tom Kaulitz die Experten-Riege rund um Jürgen Klopp, Thomas Müller und Mats Hummels für die WM-Berichterstattung in den USA, Mexiko und Kanada ergänzt. Der Musiker, Podcaster und Entertainer, Gründungsmitglied von Tokio Hotel, soll als „Fan-Experte" fungieren und seine „ganz persönliche Sicht" einbringen. Klopp, Müller, Hummels – und Kaulitz: Diese Reihung muss man erst einmal aushalten.

Arnim Butzen, TV-Chef der Telekom, lässt keinen Zweifel daran, was hier passiert. Kaulitz werde „zum Bindeglied zwischen Entertainment und Sportjournalismus", er sei der „erste Fan-Experte im deutschen Fernsehen". Das ist ein Satz, den man sich auf der Zunge zergehen lassen sollte. Eine Funktion, die es bislang nicht gab, wird neben den Sportjournalismus gestellt – nicht als Beiwerk, sondern als eigene Kategorie im Aufgebot. Die Telekom institutionalisiert damit etwas, das andere Sender bisher allenfalls in Halbzeitpausen-Formaten ausprobiert haben.

Der Reiz für MagentaTV ist nachvollziehbar. Wer als kostenpflichtige Streamingplattform alle 104 WM-Spiele live überträgt, während ARD und ZDF immerhin 60 zeigen, braucht Argumente jenseits der Spielpläne. Reichweite, Aufmerksamkeit, jüngere Zielgruppen – all das bringt ein Name mit, der nicht aus der Fußballblase stammt. Tom Kaulitz soll, kein Witz, Thomas Müller und Jürgen Klopp interviewen, beim ersten Spiel der deutschen Nationalmannschaft am 14. Juni gegen Curacao in Houston ist er als Social-Media-Reporter im Einsatz. Das ist eine klare Rollenbeschreibung: Zugang, Nähe, Plattform.

Und doch lohnt die Frage, was ein Experte bei einem Großereignis wie einer WM eigentlich leisten soll. Bisher galt das Wort „Experte" als Versprechen einer bestimmten Qualifikation: gespielt, trainiert, journalistisch eingeordnet. Bei Klopp, Müller und Hummels weiß jeder, was er bekommt – Erfahrungswissen, Lesart, Innensicht. Beim „Fan-Experten" verschiebt sich das Versprechen. Die Qualifikation ist nicht mehr fachlicher Natur, sondern eine Stellvertreterfunktion: Kaulitz soll fühlen, was die Zuschauer fühlen, und das öffentlich tun. Aber fühlt ein Sänger, was die Zuschauer fühlen? Die ersten Reaktionen auf Social Media sind vernichtend - also genau auf der Plattform und für die Menschen, für die er engagiert wurde.

Kaulitz selbst formuliert es im SID-Zitat sehr offen. Er freue sich „wahnsinnig", für ihn werde „ein Traum wahr", und er sei sich sicher, dass er, Thomas, Jürgen, Mats und Johannes B. Kerner „vor allem viel Spaß haben, die Spiele genießen und natürlich ausführlich berichten" werden. Die Reihenfolge dieser Aufzählung ist bemerkenswert. Spaß, Genuss, dann Berichterstattung. Das ist keine Bewerbung als Analyst, das ist eine Bewerbung als Begleiter. Wer das vorab ehrlich sagt, dem kann man hinterher nicht vorwerfen, etwas anderes versprochen zu haben.

Der eigentliche Konflikt liegt deshalb nicht bei Kaulitz, sondern in der Begriffswahl. Wenn der „Fan-Experte" neben dem Welttrainer und dem Weltmeister steht und die gleiche Vokabel im Titel trägt, weicht die Trennschärfe auf. Entertainment und Sportjournalismus sollen laut Butzen ein „Bindeglied" bekommen – das funktioniert nur, wenn beide Seiten als unterscheidbar erkennbar bleiben. Eine WM dauert vom 11. Juni bis zum 19. Juli, fünfeinhalb Wochen, in denen sich zeigen wird, ob Kaulitz' Rolle das Format weitet oder seine Konturen verwischt. Zu beobachten lohnt sich beides.