Kai Havertz tritt aus der Deckung

Vor dem WM-Auftakt gegen Curacao verzichtet er auf Ausreden und nimmt eine Rolle an, die ihm lange angeboten wurde. Genügt er ihr auch?

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Kai Havertz tritt aus der Deckung
IMAGO/Icon Sportswire

Es gibt Sätze, die wirken erst beim zweiten Hören. „Ich mag die Situation, ich mag so Drucksituationen und finde es top. Deswegen ist es jetzt Zeit, abzuliefern." Das hat Kai Havertz bei MagentaTV gesagt, vor dem WM-Auftakt der deutschen Nationalmannschaft am Sonntag gegen Curacao. Es ist kein großer Sound, kein einstudierter Spruch, eher die nüchterne Selbstbeschreibung eines 27-Jährigen, der weiß, dass er nicht mehr die zweite Reihe ausfüllen kann. Wer öffentlich sagt, er möge Drucksituationen, der nimmt sich selbst aus der Schusslinie der Ausreden.

Havertz formuliert in dem Interview eine Rolle, die ihm in der DFB-Elf länger angeboten wird, als er sie angenommen hat. Auf die Frage, ob er die Mannschaft beim Turnier in den USA, Mexiko und Kanada mitziehen müsse, antwortet er: „Auf jeden Fall. Ich glaube, so sehe ich mich mittlerweile auch." Das „mittlerweile" ist das entscheidende Wort. Es markiert den Abstand zu jenem Spieler, der vor Jahren als Talent in den Kreis kam und über den er heute sagt: „Man konnte sich das ein oder andere Mal auch hinter einem großen Spieler verstecken. Aber klar, jetzt bin ich da schon gefordert."

Diese Selbstauskunft ist deshalb interessant, weil sie eine Lebensphase im Profifußball benennt, die selten so präzise beschrieben wird. Havertz war lange das Versprechen, dann der Spieler mit dem teuren Preisschild, inzwischen ist er der Star des FC Arsenal und in der DFB-Offensive neben Florian Wirtz und Jamal Musiala der große Hoffnungsträger. Drei Namen, drei Generationsstufen, drei Erwartungsfelder – und der Älteste der Drei sagt von sich, er müsse jetzt vorangehen. Das ist im Vergleich zu früheren Selbstbildern dieses Spielers eine bemerkenswerte Verschiebung.

Dass Havertz die jüngere DFB-Vergangenheit dabei nicht ausspart, gehört zur Glaubwürdigkeit dieser Ansage. Die letzten Turniere seien „generell nicht immer die besten gewesen. Da sind wir alle verantwortlich, ich persönlich auch. Jetzt geht es einfach darum, es besser zu machen, um eine erfolgreiche WM zu spielen." Es ist die Sprache von jemandem, der weiß, dass die Bilanz der vergangenen Jahre nicht zu den eigenen Möglichkeiten passt. Verantwortung wird nicht auf andere geschoben, sondern eingeräumt – und dann sofort in eine Aufgabe übersetzt.

Auffällig ist, wie selbstverständlich Havertz dabei die Hierarchie der Mannschaft mitdenkt. Sein Vertrauensvotum für den 40 Jahre alten Manuel Neuer ist mehr als Höflichkeit gegenüber dem Torwart: „Für mich war Manu immer der beste Torhüter der Welt." Neuer sei ein „Top-Top-Torhüter", er gebe Sicherheit „mit seiner Präsenz, mit der Aura". Wer so über den Mann hinter sich spricht, beschreibt indirekt auch, was er selbst vorne liefern will – Verlässlichkeit, Präsenz, ein klar erkennbares Profil im Spiel.

Bleibt der Auftakt gegen Curacao, den Havertz als „extrem wichtig" bezeichnet: drei Punkte, gut ins Turnier kommen, Selbstvertrauen tanken. Es ist die Pflichtsprache des Profis, aber sie steht in einem Interview, das ungewöhnlich offen über das eigene Rollenverständnis war. Aus dem Talent, das sich hinter den Großen verstecken konnte, ist ein Spieler geworden, der diese Deckung selbst nicht mehr will. Ob er ihr genügt, entscheidet sich auf dem Platz, und zwar ab Sonntag um 19.00 Uhr.