Julian Nagelsmann in Frankfurt: Eine Inszenierung, kein Gespräch

Wer vier Spitzenfunktionäre gegen einen Bundestrainer aufbietet, hat längst entschieden. Und im Hintergrund steht ein prominenter Nachfolger bereit.

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Julian Nagelsmann in Frankfurt: Eine Inszenierung, kein Gespräch
IMAGO/Kirchner-Media

Drei Stunden hat es gedauert, dann verließ Julian Nagelsmann die DFB-Zentrale in Frankfurt am Steuer einer schwarzen Limousine, kurz vor halb zwei. Was in diesen drei Stunden geschah, ist laut Bild-Zeitung schnell erzählt: Der aus München eingeflogene Bundestrainer schilderte seine Sicht auf das WM-Debakel im Sechzehntelfinale gegen Paraguay, danach wurde ihm ein freiwilliger Rücktritt nahegelegt. Bedenkzeit inklusive. Bis spätestens Ende der Woche soll eine Entscheidung fallen.

Man muss sich das Setting vergegenwärtigen, um die Dimension zu verstehen. Auf der einen Seite ein Bundestrainer, der ein Turnier in den Sand gesetzt hat. Auf der anderen Seite die geballte Führungsspitze des deutschen Fußballs: DFB-Präsident Bernd Neuendorf, Geschäftsführer Andreas Rettig, Sportdirektor Rudi Völler und Bundesliga-Präsident Hans-Joachim Watzke. Wer ein solches Quartett zusammenruft, führt kein Gespräch mehr, sondern inszeniert eine Entscheidung. Der einzige, der die Formulierung „freiwilliger Rücktritt" jetzt noch mit Inhalt füllen könnte, ist Nagelsmann selbst.

Thematisiert wurden laut Bericht zwei Ebenen, und beide sind heikel. Zum einen sportliche Fehleinschätzungen, was immer das im Detail meint – gegen Paraguay hat der Verband nicht Pech gehabt, sondern leichtfertig und im Elfmeterschießen verloren. Zum anderen die Atmosphäre im inzwischen heftig kritisierten WM-Camp von Winston-Salem. Das ist der Punkt, an dem es unangenehm wird, weil Stimmung im Nationalteam kein Zufallsprodukt ist, sondern zum Kernbereich eines Bundestrainers gehört. Wer die Kabine nicht mitnimmt, verliert die Grundlage seiner Arbeit, unabhängig von jedem Matchplan.

Interessant ist, wer in Frankfurt am Tisch saß und wer nicht. Watzke ist Bundesliga-Präsident, kein DFB-Angestellter im engeren Sinn, und dennoch offenbar Teil des Gremiums, das über die Zukunft des Bundestrainers entscheidet. Neben Neuendorf, Rettig und Völler zeigt das, wie eng der deutsche Fußball in Krisen zusammenrückt – und wie sehr die Ablösung eines Bundestrainers längst nicht mehr nur Personalfrage ist, sondern politischer Akt. Die Botschaft dieses Aufgebots lautet: Wir handeln geschlossen. Für Nagelsmann bedeutet sie: Rückhalt sieht anders aus.

Und dann ist da die zweite Geschichte, die im Grunde schon die erste überlagert. Als klarer Favorit auf die Nachfolge gilt laut Medienberichten Jürgen Klopp, derzeit WM-Experte für MagentaTV und im Hauptjob Fußball-Chef des Red-Bull-Konzerns. Er soll für das Amt bereitstehen. Das ist bemerkenswert, weil Klopp seinen Ausstieg aus dem Tagesgeschäft an der Seitenlinie einmal sehr grundsätzlich begründet hatte. Offenbar ist die Nationalmannschaft der eine Job, der diese Grundsätze aushebelt.

Für den DFB wäre Klopp die naheliegende Antwort auf ein Kommunikationsproblem, das größer ist als jede Taktiktafel. Er kann Emotion transportieren, er kennt das Geschäft von allen Seiten, er würde in Winston-Salem-Debatten nicht defensiv agieren. Ob ihn seine Position im Red-Bull-Konzern kurzfristig freigeben würde, ist eine andere Frage, über die die Bild-Meldung nichts sagt. Bis dahin bleibt es beim Bild vom Donnerstag: Ein Bundestrainer, der die Zentrale am Steuer verlässt, und ein Verband, der die Nachfolgefrage schon stellt, bevor die Personalie überhaupt formal entschieden ist. Ende der Woche wissen wir mehr.